Ihr praktischer Umgang mit Natur, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt: Das Bündnis „Wurzeln fürs Leben“ aus Aplerbeck gehört zu den 15 nominierten Projekten beim Deutschen Kita-Preis 2026. Dahinter stehen die beiden Kindertagespflegerinnen Ikram Haddouchi (KTK, Katholischer Träger) und Daniela Grunwald (DRK, Deutsches Rotes Kreuz) sowie Pädagogin Lara Mönch. Gemeinsam haben sie in Dortmund-Aplerbeck ein Bündnis aufgebaut, das Naturpädagogik, Umweltbildung und frühkindliche Förderung miteinander verbindet. Während Ikram bereits seit knapp zehn Jahren als Tagesmutter arbeitet, gründete Daniela ihre eigene Kindertagespflege im März 2024. Lara wiederum machte sich nach ihrem Studium der Heilpädagogik und inklusiven Pädagogik mit ihrem Naturerlebnishof selbstständig. Dort leben Ponys, Ziegen, Hühner, Kaninchen und Bienen. Verschiedene Familiengruppen, Förderschulen, inklusive Einrichtungen und Kindertagespflegen besuchen den Hof regelmäßig.
„Wir sind eigentlich bei jedem Wetter draußen“, erzählen die beiden Tagesmütter. Die Kinder lernen dabei nicht nur Tiere kennen oder bauen mit Naturmaterialien, sondern erleben Zusammenhänge unmittelbar. Sie sammeln Eier bei den Hühnern, beobachten Kaninchen, helfen beim Saubermachen der Ponys oder pflücken Erdbeeren. Der dabei entstehende Biomüll landet wiederum in der Biogasanlage. Das Prinzip begeistert auch die Kleinsten. „Die Kinder könnten einem das schon mit unter drei Jahren erklären“, erzählen die Frauen lachend. Mit dem erzeugten Gas wird später gekocht – häufig gemeinsam mit den Kindern. „Wir können jeden Tag zwei Stunden damit kochen, sogar im Winter“, erklärt das Bündnis. Das spare nicht nur Stromkosten, sondern vermittle den Kindern früh ein Verständnis für Nachhaltigkeit.
Naturpädagogik steht im Vordergrund
Das gesamte Konzept setzt bewusst auf Naturerfahrungen und Bewegung im Freien. Selbst bei Regen oder Kälte wird der Tag nicht automatisch nach drinnen verlegt. Stattdessen entstehen kreative Alternativen: Im Heuzelt wird gepicknickt oder vorgelesen, im Pferdestall werden Ponys geputzt und draußen wird in Pfützen gespielt oder mit Lehm gebaut. „Kinder dürfen dreckig werden. Kinder sind waschbar“, sagen die Frauen schmunzelnd. Gerade diese Selbstverständlichkeit sei heute vielen Familien wichtig. Die Kinder sollen Natur nicht nur aus Büchern kennenlernen, sondern erleben dürfen. Die enge Zusammenarbeit zwischen den drei Frauen sorgt zudem dafür, dass die Kinder weit über ihre eigentliche Betreuung hinaus miteinander verbunden bleiben. Viele Familien besuchen den Hof auch privat am Nachmittag oder an Wochenenden. Freundschaften zwischen Eltern und Kindern entstehen dabei oft ganz nebenbei.
„Das ist viel familiärer“, beschreiben sie ihre Arbeit. Auch gemeinsame Aktionen gehören inzwischen fest dazu. So organisierte das Bündnis bereits St.-Martins-Umzüge durch Aplerbeck, beteiligte sich am Weihnachtsbaumschmücken auf dem Marktplatz oder veranstaltete kleine Osteraktionen. Als nächstes Projekt ist gemeinsam mit der Förderschule am Marsbruch ein großer Müllsammeltag entlang der Emscherwege geplant. Unterstützt werden soll die Aktion von der EDG. Ziel sei es, Kinder frühzeitig für Umwelt- und Naturschutz zu sensibilisieren – unabhängig davon, ob sie laufen oder im Rollstuhl sitzen.
Erfolg beim Deutschen Kita-Preis
Dass ihr Konzept einmal deutschlandweit Beachtung finden würde, hätten die drei Frauen selbst kaum erwartet. Die Idee zur Bewerbung entstand eher spontan. Daniela brachte den Vorschlag ein, sich beim Deutschen Kita-Preis zu bewerben und erinnerte sich dabei an frühere Erfahrungen aus ihrer Zeit bei den Dortmunder Kinderstuben, als eine Kooperationskita mit einem ähnlichen Projekt bereits erfolgreich gewesen war.
Die Bewerbung überzeugte offenbar sofort. Inzwischen gehört „Wurzeln fürs Leben“ zu den bundesweit besten 15 Bündnissen. Nach Angaben der Beteiligten ist es vermutlich das erste Bündnis aus der Kindertagespflege, das in dieser Form so weit gekommen ist. Gleichzeitig dürfte es eines der kleinsten Bündnisse im Wettbewerb sein. Bereits zwei Bewerbungsrunden hat das Trio hinter sich. Neben schriftlichen Konzepten mussten sie sich auch in einem ausführlichen Online-Interview den Fragen eines Expertenteams stellen. Sollte das Bündnis eine weitere Runde erreichen, folgen persönliche Vor-Ort-Besuche. Der Deutsche Kita-Preis ist insgesamt mit 110.000 Euro dotiert. Der erste Platz erhält 25.000 Euro. Schon die Finalisten bekommen Fördergelder und zusätzliche Unterstützung durch Partnerorganisationen.
Große Ideen trotz knapper Mittel
Auch wenn die Frauen bewusst betonen, nicht mit Geld zu planen, das sie noch nicht gewonnen haben, existieren bereits zahlreiche Ideen für mögliche Investitionen. So könnten zusätzliche Hoftage ermöglicht, neue Hochbeete gebaut oder bessere Wege auf dem Naturerlebnishof geschaffen werden. Gerade im Winter werde der Boden häufig matschig, sodass Kinderwagen oder Bollerwagen im Schlamm stecken blieben. Auch neue Picknickbereiche oder weiteres Material für Naturprojekte stehen auf der Wunschliste. Gleichzeitig wünschen sich die Frauen, mehr gemeinsame Zeit mit den Kindern auf dem Hof finanzieren zu können.

Denn trotz aller Leidenschaft bleibt die Arbeit herausfordernd. Wie viele Einrichtungen spüren auch Tagesmütter derzeit die sinkenden Geburtenzahlen. Während früher Wartelisten üblich waren, müssten heute teilweise aktiv neue Familien angesprochen werden. Gleichzeitig werben inzwischen auch klassische Kitas stärker um Eltern. Trotzdem überwiegt bei den drei Frauen die Begeisterung für ihre Arbeit. „Wir machen immer das Beste draus“, sagen sie mehrfach während des Gesprächs. Genau diese Haltung scheint nun auch die Jury des Deutschen Kita-Preises überzeugt zu haben. Der Name „Wurzeln fürs Leben“ sei dabei bewusst gewählt worden. Die Kinder sollen früh lernen, Verantwortung zu übernehmen, Natur wertzuschätzen und sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen. Oder wie die drei Frauen es formulieren: „Wir möchten den Kindern Wurzeln fürs Leben geben.“

















