Nach seiner erneuten Wahl zum Bezirksbürgermeister erläutert Jan Gravert im Gespräch seinen politischen Werdegang, die Herausforderungen der vergangenen Monate und seine Pläne für die kommenden fünf Jahre. Seine Worte zeigen einen Politiker, der tief in Aplerbeck verwurzelt ist – und die Kommunalpolitik als Herzensaufgabe versteht.
Früh politisiert und Verantwortung übernommen
Graverts politischer Weg begann im Elternhaus, wo Politik fester Bestandteil der Alltagskultur war. „Zu Hause ist immer viel über Politik gesprochen worden“, erinnert er sich. Der Schritt in die SPD im Jahr 2002 war für ihn folgerichtig – und kam zu einer Zeit, in der junge Neumitglieder selten sofort Verantwortung erhielten. Für Gravert war das anders: „Ich habe früh eine Förderung bekommen. Manche haben gesagt: Mach das mal, kandidier mal.“
Bereits zwei Jahre nach seinem Eintritt zog er in die Bezirksvertretung ein. Parteiintern durchlief er nahezu alle relevanten Funktionen – heute ist er Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Aplerbeck.
Der Verlust eines Mentors – und der unerwartete Übergang ins Amt
Als sein Vorgänger Jürgen Schädel im Jahr 2023 verstarb, stand Gravert unvermittelt vor einer neuen Aufgabe. „Es war eine wahnsinnig schwierige Zeit“, sagt er. Schädel sei nicht nur ein politischer Kollege gewesen: „Es war ein Freund und mein politischer Ziehvater.“
Mit der kommissarischen Übernahme des Amtes begann für Gravert ein völlig neuer Abschnitt: „Der Sprung vom Fraktionsvorsitzenden zum Bezirksbürgermeister ist – was die Terminauslastung angeht – ein heftiger Unterschied.“ Eine Herausforderung, die er auch dank der Flexibilität seines Arbeitgebers bewältigen kann: „Ein klassischer 9-to-5-Job ist schwer mit dem Amt vereinbar.“
Die jüngste Wahl war von einer Kooperation zwischen SPD, CDU und Grünen geprägt. Für manche Bürger sorgte das für Unmut. Gravert sieht das gelassen: „Ein demokratisch herbeigeführtes Ergebnis ist kein Betrug.“ Niemand habe vor der Wahl ausgeschlossen, ihn zu unterstützen. Dass politische Debatten emotionaler geworden sind, führt er auch auf die Präsenz sozialer Medien zurück: „Die Menge an unwahren Behauptungen, die dort herumgeistern, ist enorm. Recherche ist nicht mehr Standard.“
Auch die rechtlichen Bedenken der AfD gegen das angewandte Listenwahlverfahren weisen für ihn keine Substanz auf: „Der Paragraph der Gemeindeordnung ist da sehr klar.“ Das Verfahren existiere seit 31 Jahren – „es hätte längst verworfen worden sein müssen, wenn es problematisch wäre.“
Fokus: Jugend, Prävention und bezahlbarer Wohnraum
Inhaltlich setzt Gravert klare Schwerpunkte. Besonders wichtig ist ihm die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: „Jeden Euro, den wir in Jugendeinrichtungen investieren, müssen wir später nicht mehrfach ausgeben.“ Der präventive Charakter dieser Arbeit sei zentral für ein funktionierendes Miteinander.
Ein weiteres drängendes Thema ist für ihn bezahlbarer Wohnraum: „Wenn ein promovierter Hochschulabsolvent nicht mehr in der Lage ist, im eigenen Geburtsort zu wohnen, funktioniert etwas nicht.“ Gerade Aplerbeck brauche dringend Wohnangebote, die auch für Normalverdiener erschwinglich bleiben.
Gravert wünscht sich, dass Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeiten der Mitgestaltung stärker nutzen. „Jeder kann zu uns kommen und sagen: Das stört mich hier im Stadtbezirk.“ Die Einwohnerfragestunde sei ein niedrigschwelliges Instrument, das jedoch kaum genutzt werde – bei über 55.000 Einwohnern.
Ausblick: Zusammenarbeit, Kompromisse und eine klare Erwartung an den Umgangston
Trotz politisch aufgeregter Zeiten setzt Gravert auf konstruktive Zusammenarbeit: „Ich sehe mich als Moderator.“ Kompromisse seien normal und nötig: „Das Wesen des Kompromisses ist, dass nie alle hundertprozentig zufrieden sind.“ Entscheidend sei aber, dass am Ende Lösungen stehen, die den Stadtbezirk voranbringen.
Dass der Ton rauer werden könnte, weiß er – doch Gravert setzt klare Grenzen: „Wer sich nicht an die Regeln hält, wird auch sanktioniert – das gilt für alle Fraktionen.“
Mit Blick auf die kommenden Jahre zeigt sich Gravert optimistisch. Seine Motivation bleibt klar: „Ich bin hier genauso Bürger wie jeder andere auch. Was hier schiefläuft, betrifft mich persönlich.“ Seine Arbeit verstehe er daher vor allem als Einsatz für die Menschen – und für den Stadtbezirk, in dem er aufgewachsen ist.

















