Als Uhrmacher Franz-Josef Ramhab Anfang der 2000er Jahre bemerkte, dass sein damaliger Arbeitgeber in Brackel wirtschaftlich ins Schwanken geriet, entschied er sich für einen ungewöhnlichen Schritt: Er baute sich ein Wohnmobil zu einer Werkstatt um. „Mein Chef meinte damals, ich müsse weniger arbeiten, um Kosten einzusparen. Ich musste mich also nebenbei selbstständig machen.“ 2001 begann er mit seinem mobilen Uhrenservice, „das Uhrenmobil“, fuhr zu den Kunden, holte große Wanduhren ab, reparierte sie direkt im Fahrzeug und brachte sie oft nach wenigen Stunden wieder zurück. „Das war ein Service, den so keiner hatte – bis heute nicht“, erinnert sich der 72-Jährige.
Der Erfolg sprach sich schnell herum, sogar die Bild-Zeitung berichtete. „Da riefen dann plötzlich Leute aus Nürnberg an und wollten, dass ich nur mal kurz vorbeikomme“, erzählt er lachend. Eine weitere der vielen kuriosen Situationen, die er mit dem Uhrenmobil erlebte, blieb ihm besonders im Gedächtnis: „Auf dem Weg in den Urlaub hat uns die Polizei aus dem Verkehr gezogen. Nicht weil sie uns kontrollieren wollten, sondern weil die Uhr eines Beamten stehen geblieben war und er meine Hilfe brauchte.“
Einmal pro Woche stand er zusätzlich zum Werkstattbetrieb mit seinem Wohnmobil auf verschiedenen Wochenmärkten. Die Nachfrage war groß, erinnert er sich. „Die Leute haben teilweise Schlange gestanden.“ Unter den Markthändlern bekam er deshalb bald den scherzhaften Spitznamen „Herr Rüschenbeck“ – in Anspielung auf den bekannten Dortmunder Juwelier. Mit luxuriösen Hochpreis-Uhren hatte er allerdings nur selten zu tun. Auf seiner Werkbank lagen vor allem Modelle, an denen sein handwerkliches Geschick und seine Geduld gefragt waren – genau das, was er an seinem Beruf so mochte.
Abschied vom Uhrenmobil
Mit der Zeit geriet das Geschäft zunehmend unter Preisdruck. Als große Discounter und Onlinehändler Uhren für wenige Euro anboten, konnte ein klassischer Fachbetrieb kaum noch mithalten, erzählt Ramhab. Der Verkauf lohnte sich immer weniger. 2013 ließ er das Ladenlokal hinter sich und zog mit seiner Werkstatt nach Aplerbeck, wo er auf einen über Jahre gewachsenen Kundenstamm zählen konnte. Als 2016 eine kostspielige Reparatur am „Uhrenmobil“ anstand, gab er das Fahrzeug endgültig ab – der Name jedoch blieb bestehen.
So besonders das Werkstatt-Wohnmobil auch war, auf das Tagesgeschäft hatte es damals bereits keinen Einfluss mehr. Die Kundschaft fand längst ihren Weg nach Aplerbeck. Dank seines guten Rufs und der geringer werdenden Zahl an Uhrmachern wuchs die Nachfrage fast kontinuierlich. „Ich wurde mit Reparaturen zugeschüttet. Ich hatte kaum noch Durchblick“, sagt er lächelnd. Dass der Beruf keine Zukunft habe, glaubt er trotz Onlinekonkurrenz nicht. Wer heute eine Ausbildung mache und sich selbstständig mache, habe nach seiner Einschätzung „Arbeit ohne Ende“. Seit zwölf Jahren setzte er in seiner kleinen Werkstatt an der Wittbräucker Straße täglich Uhren aller Art instand – von großen Wanduhren bis zu feinen Armbanduhren.
Erst vor etwa einem Jahr, längst im Rentenalter, kamen erste Gedanken an den Abschied aus dem Beruf auf. Hinzu kamen gesundheitliche Beschwerden. Bewegung an der frischen Luft helfe, sagt er, doch langes Sitzen in der Werkstatt sei zunehmend belastend geworden. Mit 72 Jahren zieht er nun die Konsequenz. Nach fast sechs Jahrzehnten im Beruf möchte er sich zum Jahresende in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden.
Traurige Nachricht für Freunde und Kunden
Die Reaktionen seiner Kundschaft haben ihn spürbar bewegt. Viele hätten traurig reagiert, erzählt er. Es gab Wein, Schokolade, Pralinen – und sogar ein Uhrenbuch, „damit ich mich im Ruhestand mal über Uhren informiere“, sagt er lachend. Solche Gesten zeigen ihm, dass er vieles richtig gemacht hat. Schlechte Erfahrungen habe es kaum gegeben: „Einmal hat mich jemand reingelegt. Sonst hatte ich nur tolle Kunden.“
Seine Werkstatt in Aplerbeck wird nun von einem befreundeten Trödler vollständig geräumt und besenrein übergeben. Was danach mit dem Ladenlokal geschieht, ist noch offen. Für ihn selbst beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt, frei von Terminen, Fristen und Zahlen. Er freut sich auf Spaziergänge mit seinem Hund und auf kleine Bastelprojekte. „Ich habe noch eine alte Drohne und Modellkram. Mal sehen, was davon noch fliegt.“
Zum Abschied blickt Franz-Josef Ramhab dankbar zurück. Eine winzige Träne und ein leises Schmunzeln begleiten seine Worte: Er habe ein schönes Berufsleben gehabt – voller Geschichten, Begegnungen und Vertrauen. Was bleibt, ist ein Stück Dortmunder Handwerksgeschichte und das Gefühl, dass dieser Uhrmacher weit mehr hinterlässt als korrekt laufende Zeiger.

















