Antilopengleich nähert sich das merkwürdige Mischwesen durch den schmalen Gang. Das Problem: Die Ähnlichkeit mit Antilopen umfasst nur den Bewegungsapparat des „Tierchens“ – die obere Hälfte lässt eher an einen Waran denken. Trotz allem aber beschleunigt sich der Puls des Betrachters nur ein ganz kleines bisschen, denn dies hier ist – Glück gehabt! – keineswegs die Wildnis: Dies hier ist der Friedrich-Henkel-Weg in Dortmund-Dorstfeld, genauer gesagt das Technikum der BAuA.
Bei der Kreatur mit dem geschmeidigen Bewegungsablauf wiederum handelt es sich zwar nicht um ein Wesen aus Fleisch und Blut, aber dennoch um das Exemplar einer ziemlich seltenen Spezies: ein tierähnlich gestalteter Roboter. In Dorstfeld ist er im Dienste der Wissenschaft unterwegs, denn sein natürliches Habitat sind die Gänge des Technikums der BAuA in Dorstfeld. Denn genau dort – beim eher stillen Nachbarn der deutlich extrovertierteren DASA – nehmen immer wieder grundlegende Entwicklungen ihren Anfang, die sich in unser aller Alltag spiegeln. Die nicht allzu attraktive Abkürzung steht für „Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin“ mit Standorten in Dortmund, Berlin und Dresden. Im Technikum, als ein spezialisiertes physikalisches Labor wird in Dorstfeld unter anderem untersucht, inwieweit technische Neuerungen den Menschen in der Arbeitswelt unterstützen bzw. ob diese sogar mit Risiken für die Mitarbeitenden verbunden sein können. Und das ist keineswegs Forschung im Elfenbeinturm, sondern hat jede Menge mit der Lebensrealität zu tun: Aus den Ergebnissen werden also konkrete Handlungsempfehlungen für die Praxis entwickelt, die Politik beraten und gesetzliche Regelungen abgeleitet.
Um die Arbeiten qualitätsgesichert auf einem hohen Niveau durchführen zu können, wimmelt es hinter den Mauern des Technikums von High-Tech-Equipment. Im von Dr. Dominik Bonin geleiteten Labor „Produkte und Arbeitssysteme“ ist dies beispielsweise ein Ganzkörperscanner, der binnen 10 sec (!) ein präzises digitales Duplikat des menschlichen Körpers erschafft: Das macht Sinn, denn sich im Ungefähren zu bewegen, kann sich das Institut am Rande Dorstfelds bei seiner Arbeit sicher nicht leisten. Wo das ein wenig an Star Trek erinnernde Maschinchen in der Vergangenheit zum Einsatz gekommen ist? „Zum Beispiel, wurden die Daten genutzt, um eine Analyse von Körpermaßen zu erstellen, die für Exoskelette genutzt werden.
Apropos Entwicklungstrend: Das Thema „Künstliche Intelligenz“ ist selbstverständlich auch am Friedrich-Henkel-Weg längst ins Zentrum des Interesses gerückt – so sehr, dass sich verschiedene Fachgruppen dem Thema widmen. Hier wird die KI unter anderem aus einer technischen und einer algorithmischen Perspektive betrachtet. Wie also kann die Zukunftstechnologie sinnvoll zur Unterstützung des Arbeitsschutzes eingesetzt und menschengerecht gestaltet werden? Wie können Risiken für Beschäftigte reduziert werden? Bzw.: Wie sollte KI beschaffen sein, um uns im Beruf maximal zu nutzen und minimal zu verstören?
Womit wir dann auch noch einmal bei der Fantasy-Kreatur vom Beginn der Geschichte gelandet wären: Wie, so die Kernfrage, muss sich der antilopenhafte Kollege verhalten, um von den Menschen in seinem Umfeld als möglichst angenehm natürlich wahrgenommen zu werden? Vor dem Hintergrund dieser Frage schickt man beispielsweise freiwillige Probanden den erwähnten schmalen Gang entlang und lässt den Roboter unterschiedliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Wobei „ruhig und abwartend daliegen“ offenbar als weniger sicher wahrgenommen wird. „Charmant sein“ hat das Tierchen aber augenscheinlich auch drauf: Ein gar nicht mal unrhythmischer kleiner Tanz-Move besitzt zwar keinen unmittelbar praktischen Nutzen, kommt aber ziemlich sympathisch rüber.
Beim Rundgang durch das Technikum kommt das womöglich außergewöhnlichste Stück BAuA-Architektur ins Spiel. Der schallreflexionsarme Halbraum, auch „Freifeldraum“ genannt dürfte Tontechnikern Tränen der Rührung in die Augen treiben: Selbst bei offenen Türen meint man als Besucher einen Druck auf den Ohren zu verspüren, da hier alles den gängigen Hör-Erfahrungen zuwiderläuft. Damit das so ist, wurde bereits vor fast einem halben Jahrhundert bei der Errichtung des Instituts geklotzt. Der komplette Quader ist also vom Rest des Gebäudes quasi entkoppelt und federnd gelagert, um sämtliche Störeinflüsse – etwa durch draußen vorbeifließenden Verkehr oder durch den Untergrund donnernden S-Bahnen – komplett ausschließen zu können. Zur aufwändigen Bauform gesellen sich strenge Regularien, der Raum darf beispielsweise nur durch unterwiesenes Personal genutzt werden: Weil von den hier erhobenen Daten halt so immens viel abhängt.
Umso erstaunlicher, dass dieser „stille DASA-Nachbar“ bis heute selbst seiner direkten Umgebung auf entsprechende Nachfrage zumeist nur ratloses Schulterzucken entlocken dürfte. Grundlegend ändern könnte sich das höchstens, wenn man dem Roboter-Fabelwesen mal ein Programm zum regelmäßigen Gassi-gehen über den Friedrich-Henkel-Weg verpassen würde. Wovon allerdings – soviel sei prognostiziert – eher nicht auszugehen ist: Das wäre eben nicht im Dienste der Wissenschaft!
















