Das Traurigste ist vermutlich, dass sich bei derlei Nachrichten kaum noch Verblüffung einstellt. Beschimpfungen jedenfalls, gab Michael Kötzing zu Protokoll, gehören für die Mitarbeiter in den Notaufnahmen der Städt. Kliniken mittlerweile schlicht zum täglichen Brot, und auch handfeste Drohungen („Ich weiß, wo du parkst!“) sind alles andere als ungewöhnlich. „Selbstverständlich“, resümiert der Klinik-Geschäftsführer, „hat jede Medaille zwei Seiten, aber hier war es eindeutig am dringlichsten, die Sicherheit unseres Personals zu gewährleisten.“ Weswegen das Klinikum Dortmund nach intensiver Rücksprache mit Polizei und Ordnungsamt einen Schritt vollzog, den die Polizei hierzulande vor gut sechs Jahren gegangen ist: Seit wenigen Wochen kommen in ihren Notaufnahmen im Rahmen eines Pilotprojekts insgesamt bis zu 24 Bodycams zum Einsatz. Ob dies im konkreten Fall passiert, entscheiden die Mitarbeitenden komplett freiwillig.
Während medizinischer Behandlungen oder vertraulicher Gespräche, unterstrich Kötzing, seien die Cams tabu. „Und im regulären Alltagsbetrieb“, legte er dar, „sind die Geräte erst einmal aus.“ Deren Anschalten wiederum, so die Regularien, „muss ausdrücklich angekündigt werden“. Eine deeskalierende Wirkung des Projekts wiederum meinen die Krankenhäuser bereits nach wenigen Wochen feststellen zu können. Durchweg positiv sei das bisherige Feedback von Mitarbeiterseite, konnte etwa der Leitende Notarzt Dr. Thorsten Strohmann beim offiziellen Pressetermin Mitte März den Gästen mitteilen. „In einigen Fällen“, führte er weiter aus, „sorgte offenbar schon die Ankündigung des Einschaltens für Deeskalation“ – was bei aller guten Nachricht die aktuellen Umgangsformen natürlich nochmal in ein trauriges Licht taucht.
Dass der Einsatz von Bodycams etliche datenschutzrechtliche Nachfragen aufwirft, versteht sich von selbst. Mit Nachdruck wiesen die Verantwortlichen daher am 18.3. darauf hin, dass etwaige Kamera-Aufnahmen lediglich auf einem lokalen Server landeten und sich im Normalfalle nach einem festgelegten Zeitraum selbst löschten. „Der jeweilige Mitarbeiter selbst“, ergänzte Michael Kötzing, „sieht die Aufnahmen nie.“ Nur, wenn eine Straftat im Raume stehe, werde die entsprechende Filmsequenz „nach einem Sechs-Augen-Prinzip“ durch ein Mitglied der Geschäftsführung, ein Mitglied des Betriebsrates sowie jemanden aus dem Technik-Team gesichtet und ggf. an die Ordnungsbehörden weitergeleitet. Dies sei im bisherigen, rund vierwöchigen Verlauf des Pilotprojekts exakt zweimal vorgekommen und habe in einem Falle eine Anzeige nach sich gezogen. Auf Ablehnung, so Kötzing weiter, stoße die neue Technologie auf Patientenseite nur äußerst selten. Eine entsprechende Anregung, eine anonyme Befragung der Klinikum-Gäste sei in diesem Zusammenhang doch sicherlich keine schlechte Idee, nahm der Geschäftsführer auf und versprach, diesen Gedanken intern aufzugreifen.
Wieviel der Sicherheits-Deal mit dem Technik-Partner Motorola die Krankenhäuser kosten dürfte, ließ sich Michael Kötzing nicht entlocken. Das „Gesamtpaket Sicherheit“ aber schlage mit einem sechsstelligen Betrag zu Buche. Der umfasse dann beispielsweise noch die Nachrüstung bzw. den Umbau sämtlicher (!) Außentüren des Klinikums Mitte, Selbstverteidigungskurse für die Mitarbeiterschaft („nach drei Tagen ausgebucht“), Kosten für etwaige psychische Nachsorge und möglicherweise auch noch die Ausweitung der Einsatzzeiten des Sicherheitsdienstes. Geschult würden die Mitarbeitenden aber konsequenterweise auch in Deeskalationstechniken, hatte Dr. Thorsten Strothmann schon zu Beginn des Pressegesprächs unterstrichen.
„Wir gehen“, gab Kötzing zu, „mit unseren Maßnahmen ins Defizit, aber das muss sein. Niemand unserer Beschäftigten“, klang selbst aus der Stimme des 49-Jährigen so etwas wie Fassungslosigkeit, „soll mehr mit Angst nach Hause gehen müssen.“
Eine ähnliche Rechnung wie die Dortmunder scheinen unterdessen auch schon einige Klinikbetriebe des Umlands aufgemacht zu haben. Mindestens fünf Krankenhäuser hätten schon angekündigt, in jedem Falle nachziehen zu wollen. Und vor Info-Anfragen zum Thema könne er sich „ganz ehrlich im Moment kaum retten. Vier bis fünf Kliniken rufen wöchentlich an und fragen nach unseren Erfahrungen.“
Ausgewertet werden diese nach Ende der Pilotphase Ende Mai. Auf Grundlage des Feedbacks fällt dann die Entscheidung, ob aus der vorübergehenden eine dauerhafte Maßnahme wird.

















