Der Weg vom guten Willen zur guten Tat ist ja mitunter bekanntlich holprig. Kann aber auch klappen: 2011 waren die „Urbanisten“ einfach eine bunte Studi-Truppe mit ähnlichen Träumen, denen das Gemeinwohl nicht am Gemüt vorbeiging. Anderthalb Jahrzehnte später haben sie an unzähligen Orten – nicht nur in Dortmund – Leuten dabei geholfen, kreative Stadtentwicklung möglich zu machen: Eben nicht von oben angeordnet, sondern nach dem „Bottom-Up“-Prinzip. Svenja Noltemeyer war beinahe von Beginn an einer der Motoren der „Möglichmacher“ und ist im Büro an der Rheinischen Straße immer noch mit von der Partie. Im Zuge dessen ist das Quartier auch ihr schon längst zur Heimat geworden.
Seit wann bist du überhaupt Dortmunderin?
Svenja Noltemeyer: 2002 bin ich nach Dortmund gekommen. Zum Studium der Raumplanung. Ich wollte natürlich nach Berlin oder Hamburg, wie jeder aus Wolfsburg. Aber die erste Zusage kam aus Dortmund. Und dann war ich hier und dachte, die Uni sieht aus wie meine Schule. Okay… Dann habe ich mir WG-Zettel angeguckt, und Besichtigung Nummer drei war da, wo ich später eingezogen bin. Und die haben mir das Ruhrgebiet schmackhaft gemacht: Eine ganze Region im Wandel.
Und wo / wie haben die Urbanisten ihren Ursprung?
Svenja Noltemeyer: Als Verein gestartet sind die Urbanisten mit sieben unterschiedlichen Leuten aus den Bereichen Kunst, Pädagogik, Design, Informatik und so in einer WG im Leierweg. 2011 stieß ich dort hinzu: Im Rahmen von UZDO waren wir ein Jahr zuvor auf der Suche nach einem Haus bzw. freien Räumen für Kunst und Kultur gewesen, und im ehemaligen Museum am Ostwall bin ich während der Kulturwoche Florian [Artmann, Urbanist der ersten Stunde] begegnet, der mir von den Urbanisten erzählte.
2013 sind wir dann auf den Leerstand in einer ehemaligen Buchhandlung an der Rheinischen Straße aufmerksam geworden und dort eingezogen. Unser erstes Projekt war damals die Entwicklung der Energieverteiler, also Stromkästen, die partizipativ-künstlerisch gestaltet wurden: Lasst uns mal ein-, zweitausend Euro Förderung beantragen und das umsetzen. Letztlich mussten wir zwei Jahre mit dem Geld arbeiten, da das alles nicht so trivial war, wie wir anfangs dachten. Aber als Studierende war man ja einigermaßen frei und unabhängig, heute würde das in den Dimensionen nicht mehr funktionieren.
Dass aus diesem losen Clübchen Gleichgesinnter dann die Urbanisten entstanden: Passierte das step by step, oder habt ihr irgendwann beschlossen: Wir dürfen das hier nicht mehr aus der Hand geben?
Svenja Noltemeyer: Das war ein stetiges Wachstum, immer wieder mit unterschiedlichen Leuten. Am besten klappte es, einen 20-Stunden-Job zu haben und 20 weitere Wochenstunden „Urbanistenzeug“ zu machen. Also Ideen umzusetzen und mit verschiedenen Blickwinkeln auf Projekte zu gucken.
Wie wichtig war es denn, dass ihr auch ein Kreis von Freunden wart? Oder ging es immer vor allem um die gemeinsamen Interessen?
Svenja Noltemeyer: Was mich angeht: Dem Florian im Zusammenhang mit UZDO zu begegnen und sich seine Ideen anzuhören, war schon berauschend. Ursprünglich war es also ein inhaltliches Thema, das mich beflügelt hat. Und im Laufe der Zeit kamen immer mehr Leute in den Verein und Freundschaften sind erwachsen.
Wie lange hat es denn gedauert, bis du wusstest, dass du in Dortmund Wurzeln schlagen würdest?
Svenja Noltemeyer: Nach meinem Studium 2009 dachte ich mir zwar: ‘Keine Ahnung, was ich jetzt mache‘, aber ich wusste, ich bleibe hier. Womöglich hatte unser ehemaliger Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß damit auch einiges zu tun. Der hat 2006 die Dortmunder „Kultur AG“ gegründet Parallel saß ich in der Uni in einem Kurs „Stadtentwicklung durch Kultur“, und die Kulturhauptstadtplanung RUHR.2010 begann. Da wurde mir bewusst, was mich wirklich interessiert und was der rote Faden meines Lebens sein könnte. Das Unionviertel war zudem damals super-spannend: Das erste Kreativ.Quartier Ruhr mit richtigen Strukturen, der Stadtumbau, das Nazi-Problem, die vielen Leerstände, die Aktivitäten auf dem Union Gewerbehof usw. Es gab viel zu tun und ein gutes Netzwerk, genau hier habe ich mich deshalb dann auch mit meinem Büro für Möglichkeitsräume selbständig gemacht
Die Urbanisten gibt’s immer noch, sie sind so umtriebig wie eh und je, und keine Geschichte über die Entwicklung des Quartiers kommt ohne sie aus. Was ist eure Erfolgsformel?
Svenja Noltemeyer: Wir machen keinen Scheiß. Anders gesagt: Wir setzen konsequent auf Bürgerbeteiligung. Oft werden öffentliche Räume geplant und man wundert sich am Ende, warum die nicht funktionieren.
Und wir sagen: Beteiligt die Leute, um zu wissen, was sie brauchen, wie die Situation vor Ort ist. Das erfährst du nicht vom Schreibtisch aus – sprich mit den Leuten! Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass bei uns immer die Idee am Anfang steht und nicht das Geldangebot: So ist es eindeutig leichter, Werte und Haltung zu bewahren. Und es gab immer ca. sechs Leute bei uns, die keinen Vollzeitjob angenommen haben: Es gab also private Einschnitte für das Gemeinwohl – weil wir das gemacht haben, was uns beflügelt, befriedigt. Mittlerweile agieren wir auch als Planungsbüro, da wir ja alle Kinder haben, die versorgt werden müssen.
Auch noch ein Punkt: Es hat eigentlich immer alles geklappt, was wir angepackt haben.
Aber auch das ist doch sicher kein Zufall?
Svenja Noltemeyer: Ich persönlich arbeite seit jeher in Projekten und habe eine gute Quote bei Anträgen: Genau das ist ja mein Leben, sozusagen. Ich gehe gerne auf Veranstaltungen und bring mich da ein. Dadurch bekomme ich viel mit von neuen Trends und kann durch mein Netzwerk immer eine Lösung für Probleme anbieten. Dann bringe ich die entsprechenden Leute zusammen und versuche, Geld über verschiedene Töpfe – meist EU-Gelder – reinzubringen. Dann schaue ich wer der geeignet Projektträger wäre und mache dann oft die Projektleitung und gucke, dass das über die Jahre funktioniert. Man sollte gut vernetzt sein und neugierig bleiben.
Was ist dir aus der Geschichte der Urbanisten insbesondere im Gedächtnis geblieben?
Svenja Noltemeyer: Hm … ich bin ja ein strukturdenkender Mensch, ich kann nicht so gut mit Inhalten, weißt du?
Ich schaffe lieber den Rahmen für andere. Traurig ist mir leider im Gedächtnis, wie viele Strukturen nach dem Abschluss des Stadtumbau-Projekts, dem Ende des Quartiersmanagements, weggebrochen sind. Wir haben das dann als Urbanisten und Stadtteilgenossenschaft noch ein Weilchen gestemmt, aber irgendwie fehlte letztlich die Anlaufstelle, der Netzwerk-Knoten, wo sich alles verknüpfte.
Richtig gut funktioniert hat beispielsweise die „AG Zwischennutzung“, wobei die Bezeichnung gar nicht ganz passte: Einer hat eine Idee geäußert, das Jobcenter hat überlegt, wie man die Leute finanzieren kann, die Akteure vor Ort haben sich darum gekümmert, die Leute an den Start zu bekommen, die Stadterneuerung hat sich um den passenden Ort gekümmert, und die Urbanisten haben optimiert – also geguckt: Geht das noch geiler oder nicht? Hier ist auch das Projekt Energieverteiler entstanden.
Und welches ist dein Herzensort im Quartier?
Svenja Noltemeyer: Schon der Union Gewerbehof, würde ich sagen. Wegen seiner historischen Steine und der Vielfalt der Leute und der Möglichkeiten. Das sind so liebensherzenswerte Leute unter den knapp 100 Kleinstunternehmern, und außerdem bin ich halt Öko … und es ist schlichtweg schwierig, Ökos zu finden. Ich finde auch einfach schön, dass der nicht so umgebaut ist wie viele Orte, sondern wächst. Was kaputt ist, wird repariert, aber ohne die Identität zurückzudrängen: Man erkennt immer noch die alten Strukturen, das finde ich toll.
Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

















