„Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Für Aline Schneider-Sailler ist das vollkommen klar. Und weil das so ist, betrachtet die neue Leiterin des Kinderschutz-Zetrums Dortmund es als ihren Auftrag, an die Erfolge ihrer Vorgängerin anzuknüpfen. Im Jahr 2012 übernahm Martina Niemann die Leitung an der Gutenbergstraße, wo sich die Arbeit zu über 90 Prozent aus Spenden finanzierte. Durch ihr Engagement und das ihres Teams stehen inzwischen für etwa die Hälfte der Aufwendungen des Kinderschutz-Zentrums öffentliche Gelder zur Verfügung.
Die andere Hälfte jedoch kann nur funktionieren, wenn weiterhin Spenden fließen. Auch das aktuelle Projekt wird darauf angewiesen sein, so Schneider-Sailler: „Wir bauen ein neues Haus in den Garten – barrierefrei.“ Geplant sind dort Baratungs- und Therapieräume sowie barrierefreie Toiletten in einem Bungalow. Das Dach soll im Sinne des Mottos „Klimaschutz ist Kinderschutz“ begrünt werden. Um die Pläne umsetzen zu können, müssen jedoch noch zwei Bedingungen erfüllt werden. So laufen momentan einerseits Gespräche mit potenziellen Generalunternehmern, die die Bauaufsicht übernehmen. Andererseits aber braucht es rund 250 bis 300.000 Euro, um den neuen Bau zu finanzieren – und hier kommt erneut Martina Niemann ins Spiel.
Auch als Rentnerin bleibt die zertifizierte Kinderschutzfachkraft dem Kinderschutz-Zentrum auf Mini-Job-Basis erhalten, um weiterhin ihre Kompetenzen im Bereich der Akquise von öffentlichen Geldern und Spenden bereitzustellen. Das nämlich, so weiß sie aus 13 Jahren Erfahrung als Leitung, „ist eine umfängliche Aufgabe“, in die ihre Nachfolgerin sich erst wird einarbeiten müssen.
Das Projekt ElternSein
Die notwendigen therapeutischen Fähigkeiten bringt Aline Schneider-Sailler ohnehin mit. Die Psychodramatikerin und Systemische Therapeutin und Traumatherapeutin war es, die Martina Niemann noch im Jahr 2012 für ein neu konzipiertes Projekt einstellte. „ElternSein“ heißt das Angebot, das sich an psychisch kranke Eltern richtet. „Die Idee dahinter ist“, erklärt Niemann, „dass die Kinder entlastet werden.“ Auch im Knappschaftkrankenhaus, in der LWL-Klinik und im Marienkrankenhaus bieten die Mitarbeiterinnen des Kinderschutz-Zenrums den Eltern laut Schneider-Sailler unterstützende Sprechstunden und Elterngruppen an, denn „man nimmt das Eltern-Sein ja mit in die Klinik“.

Entwicklungen auf finanzieller und inhaltlicher Seite
ElternSein ist eines der präventiven Angebote des Kinderschutz-Zentrums, die sich mit den Jahrzehnten entwickelten. Ende der 80er-Jahre hatte sich das Kinderschutz-Zentrum als ärztliche Beratungsstelle zum Schutz von Kindern vor sexueller, körperlicher, psychischer und häuslicher Gewalt gegründet. Als Martina Niemann über 20 Jahre später die Leitung übernahm, schloss sie sich einem „tollen Team“ an, das sie teilweise regelrecht bewunderte, wie sie selbst sagt. Die Stadtgesellschaft aber war noch nicht so weit, das notwendige Geld für dessen Arbeit in die Hand zu nehmen.
Also brachte Niemann sich in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse ein und diskutierte mit. Und weil das Team „im Sinne unserer Klienten“ hinter den Zielen des Kinderschutzes stehe – „Erstens ist es natürlich so, dass wir gute Arbeit abliefern“ – und inzwischen „ein anderer Zeitgeist“ Einzug gehalten habe, flössen mittlerweile jedes Jahr unter anderem 10.000 Euro an städtischen Geldern in die Säuglings- und Kleinkindsprechstunde und weitere Finanzmittel aus öffentlichen Töpfen an die Gutenbergstraße. Insgesamt finanziert sich das Kinderschutz-Zetrum zu etwa 50 Prozent über öffentliche Gelder. Und dennoch: „Wir wären schon erleichtert, wenn da noch was dran zu wackeln wäre.“ Denn die Arbeit von 10 Mitarbeiterinnen sowie Material, Heizung und Strom jedes Jahr aufs Neue hälftig aus Spenden zu finanzieren, birgt enormen Einsatz auf Seiten der Akquise.
Aber insbesondere „die Jugendhilfe ist sehr, sehr weit gekommen“, was Niemann unter anderem auf einen Generationenwechsel zurückführt. Auch der Zukunft des Kinderschutz-Zentrums unter der Leitung von Aline Schneider-Sailler blickt sie optimistisch entgegen: „Das ist einfach großartig, dass sie Lust hatte, diesen Job zu übernehmen.“ Fortsetzen will die 48-jährige frischgebackene Leitung vor allem das Engagement im Interprofessionellen Qualitätszirkel (IQZ) aus Medizin, Jugendhilfe, Freien Trägern und Beratungsstellen, um gemeinsam an der Aufgabe zu arbeiten, die nicht nur ihrer Auffassung nach alle angeht.

















