„Mit allen Abwassern gewaschen“: Für BVB-Fans braucht es nicht mehr als dieses Norbert-Dickel-Zitat, um zu wissen, von wem die Rede ist:
Frank Mill ist nicht nur 47-facher Bundesliga-Torschütze der Borussia und ein weiterer „Held von Berlin“, sondern fast schon der Prototyp des abgezockten Straßenfußballers, bei dem man besser auf sämtliche Tricks gefasst war. Aus der Jugend von RW Essen hervorgegangen, gehört der Mittelstürmer längst in den Kreis der durch und durch schwarzgelben Legenden und läuft immer noch für die BVB-Traditionself aufs Feld.
In einer Zeit häufig glattgefeilter Presse-Statements hört manch ein Fußball-Fan Kickern wie ihm umso lieber zu: Jemandem also, der Dinge gerne beim Namen nannte und nennt. Im Gespräch mit unserer Redaktion blickte der überzeugte Raucher Mitte Januar auf Weggefährten, Kontrahenten und ausgelassene Feiern zurück und schlug dabei auch verbal den einen oder anderen Haken:
REDAKTION: War Frank Mill als Fußballer eigentlich ein Frühstarter? Wie schnell war klar, dass Sie auf die Überholspur wechseln würden?
FRANK MILL: Naja, bis zum Alter von 14 Jahren ist das ja nie wirklich klar. Und dann gibt es viele Sachen, die dich abweichen lassen können: die eigenen Kumpels, Mädchen, Parties, Alkohol usw. Für mich stand allerdings immer fest: Ich will Fußballer werden! Zum Glück ist es dann auch so gekommen – Glück brauchst du nämlich auch, Talent alleine reicht nicht.
Das Talent ist wahrscheinlich mit zehn, zwölf Jahren zum ersten Mal aufgefallen. Einfach, weil ich im Verein viele Tore schoss und immer dort stand, wo der Ball hinkam. Angeeignet habe ich mir das alles als Straßenfußballer.
REDAKTION: Würden Sie denn im heutigen Fußball-Business noch genauso Karriere machen können?
FRANK MILL: Glaube ich schon. Ein Unterschied ist: Früher musstest du das Glück haben, dass im richtigen Spiel die richtigen Leute an der Seite standen. Das hatte ich damals und wurde in der B-Jugend von RW Essen zum Probespielen eingeladen. Der Trainer mochte mich aber nicht und hat mich die erste Halbzeit draußen stehen lassen. Dann stand es 1:1 und er meinte: „Kleiner, geh mal rein!“ Ausgegangen ist das Spiel schließlich 6:1, ich hab‘ alle fünf weiteren Tore geschossen – von dem Moment an war der gleiche Mensch plötzlich mein Freund. Wobei mein Vater gewarnt und gesagt hat: „Vorsicht, das ist ein Arsch!“ (lacht).
In meiner ersten Bundesligasaison für RWE dann habe ich immerhin 19-mal gespielt, wenn auch meistens als Einwechselspieler. Einmal übrigens sogar als Gegenspieler von „Kaiser Franz“. Die Anweisung war: „Wenn der über die Mittellinie geht, musst du den decken!“ Aber es war eben Franz Beckenbauer, als 17-Jähriger habe ich den dann eher bewundert und eskortiert.
REDAKTION: Hätten Sie am heutigen Profidasein noch Spaß?
FRANK MILL: Doch, ich hätte immer noch Spaß, weil ich nun mal gerne Fußball spiele. In der BVB-Traditionself bin ich deswegen ja sogar immer noch dabei. Gut, da sind die anderen Spieler mittlerweile ziemlich jung, also so Mitte vierzig.
REDAKTION: Dem Fußball sind Sie nicht nur über Borussias Traditionsmannschaft, sondern auch als Betreiber einiger Fußballschulen immer noch verbunden. Was ist Ihnen dort bei der Vermittlung Ihres Sports besonders wichtig?
FRANK MILL: Gut, das sind ja Fußball-Spaß-Schulen. Worauf wir da sehr viel Wert legen, ist das Sozialverhalten der Kinder, also ihr Umgang miteinander. Ansonsten geht es vor allem um das Vermitteln von Grundlagen: Erstmal den Ball mit der breiten Seite spielen, nicht mit dem Außenrist. Heute kommt der eine oder andere mit Schuhen für 250 € bei uns an – Stichwort „CR7“ –, kann den Ball aber nicht drei Meter geradeaus schießen. Zunächst wird also das einfache Spiel vermittelt. Wichtig ist es uns außerdem, vor allem den Spaß am Fußball rüberzubringen.
REDAKTION: Doping-Geständnis, „Schwalben-Geständnis“: Hat Frank Mill einfach nur keine Lust, sich zu verstellen, oder haben Sie auch Spaß daran, hin und wieder etwas Staub aufzuwirbeln?
FRANK MILL: Nee, ich erzähl’s halt einfach so, wie es war. Staub aufzuwirbeln interessiert mich nicht – dann hätte ich mich im Laufe der Jahre anders verhalten. Und was die Schwalben angeht, war es nun mal so: Wenn es für meine Mannschaft eng wurde, habe ich auch schon mal ein Foul provoziert, also dafür gesorgt, dass der Verteidiger eigentlich gar nicht anders konnte und mich z. B. bei ihm „eingefädelt“.
REDAKTION: An welchem Verein hängt heute vor allem Ihr Herz?
FRANK MILL: In erster Linie ist das Borussia Dortmund. RW Essen ist mir auch immer noch wichtig, aber der BVB ist ‘ne echte Herzensangelegenheit für mich.
REDAKTION: Gibt es denn aus der schwarzgelben Zeit auch noch Freundschaften, die bis heute gehalten haben? Oder regelmäßige Kontakte?
FRANK MILL: Die gibt es schon durch die Traditionsmannschaft. Mit unserem Trainer Günter Kutowski habe ich ja noch zusammengespielt, oder auch mit Michael Lusch: Da haben sich durchaus einige Freundschaften entwickelt. Mein allerengster Freundeskreis allerdings kommt nicht aus dem Fußball.
REDAKTION: Und welche der alten Weggefährten haben Sie als Mitspieler am meisten beeindruckt?
FRANK MILL: Ich habe sehr gerne mit Stephane Chapuisat gespielt, weil der den Ball vor dem Tor auch häufiger nochmal querlegte. Viele andere Sturmpartner waren zuallererst darauf bedacht, selbst Tore zu schießen – früher gab’s halt immer zwei Stürmer im Team, und du musstest pro Saison 10 bis 12 Tore machen, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Chappi hat dir trotzdem Bälle aufgelegt.
Gut, mit Norbert Dickel habe ich auch sehr gerne zusammengespielt, obwohl der niemals abspielte: Das war einfach nicht sein Spiel. Und dann gab es zu Gladbacher Zeiten den leider bereits verstorbenen Hans-Jörg Criens, der als Mitspieler auch prima war. Nr. 1 ist allerdings eindeutig Stephane Chapuisat.
REDAKTION: Der angesprochene Norbert Dickel hat damals bekanntlich auch das Zitat geprägt, Sie seien „mit allen Abwassern gewaschen“. Welcher Verteidiger war Ihnen bei den „Psycho-Tricks“ ebenbürtig?
FRANK MILL: Bei Waldhof Mannheim gab es Dimitrios Tsionanis, mit dem kam ich damals gar nicht klar. Der war noch etwas kleiner als ich, sehr schnell – und eindeutig auch mit allen Abwassern gewaschen. Gegen die Größeren wie z. B. Karl-Heinz Förster dagegen habe ich eigentlich immer ganz gerne gespielt: Der war hart, aber fair und hat nie bewusst auf die Knochen gehauen. Sein Bruder Bernd war schon wieder etwas schwieriger, obwohl ich ihn zweimal vor ‘ner roten Karte bewahrt habe.
REDAKTION: Wie das?
FRANK MILL: Einmal, in Gladbach, lagen wir in der 90. Minute schon deutlich vorne, und er hat nochmal hingelangt. Da hab‘ ich dann zum Schiedsrichter gesagt: „Schon gut, er hat mich gar nicht getroffen!“ Ich bin nun mal vor und nach dem Spiel immer ein sehr umgänglicher Typ gewesen, nur dazwischen habe ich versucht, alles auszuschöpfen, was möglich war – an Spielvermögen wie auch an Sprüchen, die ich raushauen konnte. Ich habe die ja zugetextet, vor allem die jüngeren Spieler. Aber nach dem Schlusspfiff war die Sache für mich dann auch erledigt.
REDAKTION: Dadurch, dass man wusste oder zumindest ahnte, mit wie vielen Tricks es Frank Mill versucht, waren Sie aber auch häufiger mal eine Reizfigur des Publikums, oder?
FRANK MILL: Auf jeden Fall. Schlimmstes Stadion in dieser Hinsicht war für mich übrigens das Bochumer. Bei jedem Eckball tobte die Tribüne und schrie nicht „Mill“, sobdern „Müüüüüll“. Naja, wir haben trotzdem meistens gewonnen (lacht).
REDAKTION: Es gab bekanntlich auch Profis – Uli Borowka hat so etwas mal erwähnt – die sich durch Gegenwind eher gepusht fühlten. Können Sie das nachvollziehen?
FRANK MILL: Ja, das ist auch oft so gewesen! Du musst das halt wegstecken und zeigen: „Ihr könnt noch so viel schreien, das interessiert mich nicht!“ Am besten klappte das mit Toren. Zu abfälligen Gesten Richtung Tribüne – „Stinkefinger“ usw. – durftest du dich selbstverständlich nicht hinreißen lassen, aber das hab‘ ich auch nicht gemacht.
REDAKTION: Kleiner Themenschwenk: Franz Beckenbauer haben Sie ja eben schon selbst erwähnt. Kann man auf den Punkt bringen, was an ihm als Mensch das Besondere war?
FRANK MILL: Er hat dir zugehört! Franz hat sich einfach für jeden Zeit genommen und blieb dabei stets Gentleman. Das galt übrigens auch für Ottmar Hitzfeld. Als der BVB mittlerweile Flemming Povlsen und Kalle Riedle geholt hatte und ich nur noch eingewechselt wurde, habe ich mich irgendwann mal beschwert. Gut, als ich aus der Kabine kam, war ich blöder als vorher, aber trotzdem irgendwie zufrieden. Beckenbauer, Hitzfeld und Heynckes: Das waren schon die drei besten Trainer, die ich in meiner Karriere erlebt habe.
Die Spreu vom Weizen trennt sich da manchmal bei Kleinigkeiten. Einmal beispielsweise hatten wir mit dem BVB gerade gegen Kaiserslautern gewonnen und saßen – noch vor dem großen Stadion-Umbau – im Entmüdungsbecken. Damals haben so einige Spieler geraucht, und Ottmar Hitzfeld betrat diesen Raum eigentlich niemals. Da saßen wir also und qualmten, als auf einmal die Tür aufging. Natürlich verschwanden sofort alle Kippen im Wasser. Und Ottmar sagte: „Jungs, macht mal die Oberlichter auf, hier ist ein unglaublicher Dampf!“ Jeder Spieler wusste jetzt: Der hat alles gesehen, der weiß alles. Aber er hat es für sich behalten, und die Spieler haben von sich aus angefangen, sich anders zu verhalten. Andere Trainer hätten sich womöglich aufgeregt, mit Geldstrafe gedroht – und viel weniger erreicht.
Und genauso war Franz auch: 1988, beim Trainingslager zur EM – da hat er noch selbst geraucht – saß ich mit dem Wuttke [Wolfram Wuttke, die Red.] auf dem Balkon, und direkt nebenan hatte Franz sein Zimmer. Was wir aber nicht wussten! Plötzlich taucht er auf dem Nachbarbalkon auf, kuckt so – und sagt dann: „Hat mal einer ‘ne Zigarette für mich?“ Natürlich hat man die eigene dann erstmal ausgedrückt und ihm eine angeboten, er war schließlich der Trainer.
REDAKTION: Womöglich auch passend zum Thema Nationalelf: Welches waren denn die drei legendärsten Feiern Ihrer Profilaufbahn?
FRANK MILL: Die Nr. 3 war die Feier mit RW Essen zum Ende der Saison 1981/’82. Da hatten wir gerade das Hinspiel zum Bundesligaaufstieg gegen Karlsruhe mit 1:5 verloren. Es war also nicht mal eine Siegesfeier, wir wollten nur die Schmerzen lindern. Meine Nr. 2 ist der 1989er-Pokalsieg mit dem BVB, und die größte Party gab es natürlich nach dem WM-Finale 1990. Die gingen jedenfalls jeweils bis zum anderen Morgen.
REDAKTION: Sagen Sie uns doch abschließend noch, welchen Tipp Sie dem heutigen Fußball-Nachwuchs gerne mit auf den Weg geben würden. Was sollten die jungen Kicker auf jeden Fall tun, was auf jeden Fall lassen?
FRANK MILL: Sie sollten sich nicht zu früh beeinflussen lassen. Ein Spielerberater macht doch erst mit 14, 15 Jahren Sinn – aber heute werden schon die Neun- oder Zehnjährigen betreut, von A nach B gefahren … und mit 12 lässt man sie dann wieder fallen. Empfehlen würde ich also u. a., auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Und in jungen Jahren nicht vorschnell den Verein zu wechseln.
Außerdem ist es doch so: Ein guter Schulabschluss, eine gute Ausbildung sind für dich auch wichtig, wenn du Fußballprofi werden willst, aber auf vieles andere kannst und musst du erstmal verzichten. Ich habe beispielsweise mal einen richtig guten Jungen an die Dortmunder Fußballakademie vermittelt. Der war ein halbes Jahr dort, dann hatte er den Spaß verloren … was wohlgemerkt nicht an der Fußballakademie lag! Du musst dir, so mein Rat, einfach bewusst machen, dass du als angehender Profi neben Ausbildung und Fußball keine Zeit mehr für irgendetwas haben wirst. Entsprechend wichtig ist es daher eben, dem Nachwuchs immer den Spaß am Fußball zu erhalten.
REDAKTION: Vielen Dank, Frank Mill, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben!

















