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Wenn Wissen zischt und leuchtet, ist es Marcus Weber

Beim Dortmunder Physikanten-Chef hat Bildung Show-Qualität – auf der Bühne und im TV

von Wir in Dortmund (LM)
vor 2 Wochen
in Dortmund
Lesezeit: 6 Minuten
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(Foto: Wir in Dortmund)

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Er ist ein bekanntes Fernsehgesicht und fraglos ein „Promi“ – mit seiner Wahlheimat Dortmund indes bringen Marcus Weber womöglich nicht allzu viele in Verbindung: Mit dem Konzept der „Physikanten“ etablierte der 55-Jährige in Deutschland nicht nur eine ganz neue, höchst unterhaltsame Form der Vermittlung von (Natur-)Wissenschaft , zudem gehört er mittlerweile seit mehr als einem Jahrzehnt zum Stammpersonal von Kai Pflaumes Show „Wer weiß denn sowas? XXL“. Der bei weitem größte Teil des Jahres gehört bei Marcus Weber allerdings nicht dem Fernsehen, sondern nach wie vor seinen Bühnen-Aktivitäten. Obwohl er sich den Entertainer, wie er versichert, dereinst doch erst antrainieren musste. Und abseits des Rampenlichts hört Marcus Weber ohnehin lieber zu, als dass er von sich erzählt. Über Lampenfieber, die „Formel“ einer guten Show und seinen Blick auf Physikunterricht an deutschen Schulen sprach der Physikant mit unserer Redaktion.

Ich habe Sie im Fernsehen immer als Ruhrgebietler einsortiert, aber das stimmt gar nicht, wie ich erfahren durfte. Wie und von wo hat es Sie hierher verschlagen?

Aufgewachsen bin ich in Schüttorf in der Grafschaft Bentheim. Die Physikanten habe ich dann zum Ende meines Studiums gegründet und damals auch noch ganz viel Unterstützung aus der Uni bekommen. Ich hatte hier also irgendwann ein echtes Netzwerk – und zudem liegt Dortmund ja auch ganz gut, man kommt in allen Himmelsrichtungen einigermaßen gut zu Auftrittsorten.

Entstanden die Physikanten denn damals aus einem spontanen Geistesblitz heraus? Und wer waren die Gründungsmitglieder? 

Ich habe mir mein Studium als Jongleur finanziert – auf Straßenfesten, Firmenfeiern, Hochzeiten usw. Das klappte irgendwann so gut, dass ich keine Unterstützung meiner Eltern mehr benötigte. Und irgendwann, während einer Vorlesung, dachte ich mir: ‚So eine umherfliegende Wasserrakete, das wäre doch eine coole Nummer.‘ Wenn man das Ganze dann noch nachwürzt mit Gags, hat man sowohl die Unterhaltung als auch den Bildungsaspekt dabei. Und dann gab es, am Ende des Studiums, einen großen Physikdidaktik-Wettbewerb. Der war europaweit ausgeschrieben, und man konnte Fördergelder bekommen, wenn man eine Wissenschaftsshow auf die Beine stellt. Gemeinsam mit einem Freund, der heute Lehrer am Leibniz-Gymnasium ist, habe ich dann ein entsprechendes Konzept entwickelt und dafür 10.000 € bewilligt bekommen.

Gereicht hat das am Ende hinten und vorne nicht, wir haben noch einiges draufgelegt – aber wir konnten mit toller Unterstützung der Uni das Equipment für unsere erste Show bauen. Und haben dann Ende 2000 am CERN in der Schweiz im großen Hörsaal unsere Premiere gefeiert.

Was war eigentlich bei Ihnen eher da, der Wissenschaftler oder der Entertainer? Haben die Leute also früher prognostiziert ‚Der landet mal auf der Bühne‘, oder doch eher ‚Der landet mal im Hörsaal bzw. in der Forschung?‘ 

Oh, tatsächlich letzteres. Meine Leistungskurse waren Mathe und Physik –, und in der Abi-Zeitung stand schließlich ‚Suche Nobelpreiswürdiges Problem‘: Das war also offensichtlich die Wahrnehmung anderer. Das Auftreten habe ich mir durch ganz viel Praxis beigebracht, am Anfang lag mir das nicht so. Aber Leute, die sich trauen, Theater zu spielen: Die habe ich – weiß ich noch – zu Schulzeiten immer bewundert. Und in Rollen schlüpfen kann ich nach wie vor nicht gut, ich bin halt kein guter Schauspieler. Insofern habe ich irgendwann begriffen: Ich muss auf der Bühne ich bleiben, auch, wenn ich Gags erzähle.

Wie stark erwischt Sie denn dann heute noch das Lampenfieber – auf der Bühne oder vor den TV-Kameras?

Sehr viel Lampenfieber habe ich zum Glück nicht. Am ehesten womöglich noch bei Firmenevents: Das sind nun mal die Veranstaltungen, wo man oft nicht weiß, wie die Leute so drauf sind. Die Gäste dort haben uns ja nicht gebucht und sind womöglich gar nicht in der Stimmung, voll an der Show teilzunehmen. Denen dann trotzdem einen schönen Abend zu bereiten, ist nicht einfach.
Und wenn bei RuhrHochdeutsch das Zelt mit 400 Leuten randvoll ist, verschafft mir das schon auch Respekt. Ich gehe also aufgeregt auf die Bühne, freue mich aber gleichzeitig auch – Angst habe ich keine.

Beim Fernsehen ist das nochmal etwas ganz anderes: Da mache ich ja meistens Experimente, die ich vorher so noch nie gemacht habe. Und es gibt natürlich etliche Sachen, die ich nicht im Griff habe: Wie wird das Publikum reagieren? Wie werden die Promis reagieren? Kai Pflaume improvisiert zudem auch gerne mal, wenn er zwischendurch einen Einfall hat: Gut für die Nummer, aber ich muss eben auch aufpassen und dann ggf. sagen: ‚Neenee, so funktioniert‘s nicht.‘
Da all die Vorbereitungen in fünf Minuten Präsentation kulminieren, ist der Druck schon groß. Aber auch das ist zum Glück Gewöhnungssache. Und ich habe schnell gemerkt: Ich stehe da mit einer Menge Leute, die alle extrem daran interessiert sind, dass es gut wird, und die alle dabei helfen, es einem leicht zu machen.

Gibt es eine „Formel“ für ein Experiment mit Bühnenwirkung? Was muss gegeben sein, damit die Physikanten und Marcus Weber es zum Teil ihrer Shows machen?

Wir spielen halt unterschiedliche Shows vor unterschiedlichem Publikum. Bei Schulen etwa möchten wir zeigen, dass Wissenschaft „cool“ sein kann.
Die Mädchen und Jungs sollen da raus gehen und denken: Physik ist prima, Wissenschaft ist geil. Wo genau zwischen den Punkten Unterhaltung und Wissenschaft die Linie dann verläuft, handeln wir dann vor Ort in den Shows immer neu aus.
Naja, und es ist wichtig, dass diese Nummern irgendeinen „Hook“ haben, der aus der Sache etwas Bühnenreifes macht. Das kann die Lautstärke sein, die Größe oder etwas Ungewöhnliches, Überraschendes. „Leuchtende Gurken“ ist da ein Klassiker, der mir sofort einfällt – eines unserer häufig gespielten, super-einfachen Experimente.
Grundlegend ist auch, sich in die Rolle der Zuschauer hineinzuversetzen. Wir haben für eine Firma gespielt, die sich im industriellen Maßstab um Ölwechsel kümmert und z. B. auch die Flüssigkeit von Ölen testet. Da gießen wir flüssigen Stickstoff durch ein Handtuch, und man kann beobachten, dass das Handtuch fast keinen Widerstand bietet. Wiederholt man das mit Wasser, sieht das ganz anders aus: Das ist jetzt erstmal nicht besonders spektakulär, passt aber total gut in den Kontext und lebt vom Inhalt. Naja, und danach nehmen wir dann den Stickstoff und lassen noch ’ne Flasche explodieren (lacht).

Fragen muss ich natürlich auch: Kommt’s eigentlich vor, dass mal etwas nicht klappt?

Direkt in den Sinn kommt mir etwas, das schief ging, als wir in der Dorstfelder DASA mit hohen und tiefen Stimmen gearbeitet haben: Durch Helium wird die Stimme hoch, durch Schwefelhexafluorid wird sie tief. Ich hatte das Gas gerade eingeatmet, da kuckte jemand von der DASA um die Ecke und rief „Taxi ist da!“
Gut, mit dem Gas in der Lunge musste ich die Nummer auf jeden Fall erst zu Ende bringen. Also mit Balou-der-Bär-Stimme zurückgerufen: „Oh, Taxi ist da – interessant!“

… was dann womöglich noch für einen Teil der Show gehalten wurde?

Ja, das war echt schräg. Mittlerweile allerdings – das muss ich noch ergänzen – machen wir das Experiment gar nicht mehr. Zum einen muss man das Gas wirklich wieder komplett aus der Lunge bekommen: Da es schwerer als Luft ist, macht man am besten Handstand. Vor allem aber ist es sehr klimaschädlich. Irgendwann habe ich mal nachgerechnet: Eine Flasche Schwefelhexafluorid bewirkt einen stärkeren Treibhauseffekt als die Fahrten mit dem Physikanten-Transporter in einem Jahr: Das ist es nicht wert!

Wie blickt man als Physikant auf bundesdeutschen Physikunterricht? Alles gut? Oder würden Sie behaupten, da ginge mehr?

Im Physikunterricht bin ich ja nicht so oft dabei. Aber nach dem, was ich von meinen Kindern oder Freunden mitbekomme, würde ich sagen, es hängt ganz doll an der Person des Lehrers oder der Lehrerin. Leider gibt es viele Lehrende, die mit Experimenten nicht so gut umgehen können. Wir geben auch Lehrerfortbildungen, und wenn man da „Woran erinnert ihr euch aus eurer Schulzeit?“ fragt, sind das immer irgendwelche Experimente. Vielleicht auch mal an Versuche, die schief gegangen sind, eher weniger an irgendeine Formel. Und allein das sollte schon Motivation sein, sich ein bisschen was zu trauen. Ich habe natürlich wahnsinnigen Respekt davor, welch stressiger Schul-Alltag da manchmal bewältigt wird. Ich weiß aber eben auch, dass es viele einfache Sachen gibt, die man machen kann.
Und dann kann man sich natürlich auch noch über Lehrpläne unterhalten. Muss man jetzt unbedingt immer die Strahlenoptik durchkauen mit dem virtuellen Bild und dem realen Bild? Es gibt’s also durchaus eine Menge Ansatzpunkte. Und es gibt leider auch zu wenige Lehrer, weil man als Physiker viel bessere Aussichten in der Wirtschaft hat.

Wobei ich glaube, das größte Problem ist – aber das ist ein generelles Ding –, dass Lehrer gegenseitig ihren Unterricht nicht angucken. Die profitieren also nie voneinander. Jeder Schulleiter wird da selbstverständlich sagen, wir haben da kein Budget. Das stimmt natürlich, aber trotzdem ist das ja ein offensichtlicher Missstand, der mir auch immer wieder bestätigt wird.

Eine Sache hatten Sie selbst ganz am Anfang schon angerissen: Es geht mir um die Frage, wie sehr der Bühnen- bzw. der TV-Marcus Weber auch der private Marcus Weber ist.

Also, auf der Bühne stehe ich natürlich maximal im Zentrum – im Alltag mag ich das nicht so gerne. Ich bin ganz gerne unter Leuten und finde es auch nett, dumme Sprüche zu machen, aber ein Bedürfnis, auf der Bühne zu stehen, habe ich da nicht.
Eine klassische Situation wäre ja, dass man – sagen wir – auf einer Hochzeitsfeier ist und etliche nicht kennt, die mit am Tisch sitzen. Da versuche ich dann immer ein bisschen zu vermeiden, von meinem Job zu reden. Der natürlich ein ungewöhnlicher ist, aber wenn ich damit rausrücke, muss ich halt immer die gleichen Sachen erzählen (lacht). Und vielleicht möchte ich ja auch ganz gerne wissen, was das für Leute mit mir am Tisch sind … nur von mir zu sprechen, finde ich einfach nicht so unterhaltend.

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