Wem genau beim BVB welche Heldentaten zugeschrieben werden dürfen, ist sonnenklar: „Kobra“ Wegmann rettete in allerletzter Sekunde vor dem Abstieg, Nobby Dickel tütete den DFB-Pokal ein und Lars Ricken schoss uns, wie allgemein bekannt, zum Champions-League-Triumph. Bei einer anderen elementaren Frage allerdings sieht die Sache ganz und gar nicht eindeutig aus, und die lässt sich verkürzen auf die Formel „Podschwadke oder Schäferhoff“?
Anders gefragt: Wer hat denn nun wirklich die schwarzgelbe Welt – genauer: das Westfalenstadion – anno 1974 davor bewahrt, auf ewiglich mit einem Makel versehen zu sein? Dem nämlich, dass das allererste Tor im Borussentempel ausgerechnet von einem Schalker geschossen worden wäre.
Wir blicken zurück: Zur Eröffnung luden die BVB-Oberen seinerzeit am 2. April ausgerechnet den königsblauen Erzrivalen ein. Der spielte damals, man glaubt’s kaum, eine Liga höher als Schwarzgelb, behielt konsequenterweise mit 3:1 die Oberhand und hatte auch den allerersten Treffer des Spiels erzielt. Dass es für den Schalker (und späteren Borussen) Paul Holz zum Eintrag in die Geschichtsbücher dennoch nicht reichte, dürfte in die Abteilung „Dusel“ gehören. Komplett quer zum damaligen Zeitgeist nämlich hatte sich die Borussen-Chefetage nach einiger Überzeugungsarbeit bereit erklärt, den Tag mit einem Frauenfußballspiel zu eröffnen. Im Frauenfußball gab’s oberhalb der Bezirksebene damals noch gar keine Spielklassen, entsprechend liefen zwei Teams aus der unmittelbaren Umgebung auf. Und dieses Duell zwischen dem TBV Mengede und dem VfB Waltrop endete eben nicht torlos, sondern wurde beim Stande von 2:1 für Dortmunds Nachbargemeinde abgepfiffen. Der „Schalke-GAU“ war also verhindert worden, namentlich durch …
… aber genau da sind wir beim Kern des Problems, denn bis heute sind sich die Quellen – ob analog oder digital – in diesem Punkt uneins: Manche von ihnen, darunter auch BVB-Archivar Gerd Kolbe, benennen die Mengederin Elli Podschwadtke als wirklich allererste Torschützin des Dortmunder Fußballtempels, andere verweisen auf Waltrops Spielertrainerin Margarethe Schäferhoff. Während Frau Podschwadke leider bereits vor etlichen Jahren verstorben ist, lebt die ehemalige Waltroper Kickerin immer noch in ihrer Heimatstadt und hält nach wie vor den Kontakt zur einstigen Truppe. Höchste Zeit also, sich die entscheidende Information mal aus erster Hand zu besorgen:
Von ihren damaligen Mädels hat die Trainerin binnen kürzester Zeit ein halbes Dutzend akquirieren und in der Pizzeria am Waltroper Markt versammeln können. Aus den Augen verlor man sich im letzten halben Jahrhundert nämlich nie. Gut, irgendwann waren alle Geschichtchen über den großen Coup an der Strobelallee mal auserzählt, aber dann kamen irgendwann neue dazu: Beispielsweise, als die Borussia im Jahre 2004 die Fußballerinnen beider Teams erstmals zu Jubiläumsfeierlichkeiten einlud.
Bezirksliga; höher hinaus ging es noch nicht. „Und bis dahin“, kann sich die Spielertrainerin auch heute ein Grinsen noch nicht verkneifen, „hatte Mengede beim Abpfiff eigentlich immer knapp die Nase vorn gehabt. Also dachten die vielleicht: ‘Das ist ein guter Gegner für diese Kulisse‘.“ Kam ja dann bekanntlich anders, „und wir wurden“, lacht Margarethe Schäferhoff, „danach von Mengede auch nie mehr eingeladen“.
Ihr Auftritt im Stadion, gibt Libero Annegret Prochnow selbstbewusst zu Protokoll, habe ihr Team eigentlich nicht besonders nervös gemacht. „Wir waren ganz locker!“ Ein bisschen mögen dabei die sich erst im Laufe des Spiels füllenden Ränge geholfen haben, gibt sie allerdings zu. Ungewöhnlich wiederum war nicht nur das Ambiente. „In der Liga“, erinnert sich Margarethe Schäferhoff, „gab’s im Grunde nur Ascheplätze, und gespielt wurde bei absolut jedem Wetter.“ Raue Sitten – augenscheinlich nicht nur auf dem Feld: „Die Dattelner wollten uns nach einer Niederlage mal verprügeln, wir wussten nicht, ob wir uns aus der Kabine trauen sollten“, hört man mit Staunen. Ebenfalls verblüffend: Unterstützung, so bekräftigt die wilde Truppe von einst unisono, gab’s auch in den Anfangsjahren vor über einem halben Jahrhundert schon eine Menge – das Ruhrgebiet scheint sein tolerantes Image also zurecht zu tragen. Im Verein jedenfalls, da stimmen alle Kickerinnen ihrer Ex-Chefin zu, sei man von Anfang an sehr anerkannt gewesen, und an familiärer Unterstützung habe es ebenfalls nicht gemangelt.
Verbal spielen sich die Kickerinnen in Erinnerung an alte Zeiten heute noch gerne die Bälle zu. Einig ist man sich dabei, von der historischen Dimension des damaligen Matches nicht das Geringste geahnt zu haben. „Das wurde uns“, blickt Margarethe Schäferhoff zurück, „zum allerersten Mal überhaupt bei den Feierlichkeiten zum 30. Stadion-Geburtstag klar. Plötzlich lud man uns ein, plötzlich kam der Bürgermeister auf uns zu …“ Seither behält die Borussia de ehemaligen Fußballerinnen auf dem Schirm und heißt sie im 10-Jahres-Rhythmus willkommen. „Zum 50-Jährigen waren wir beim Duell gegen den VfB Stuttgart sozusagen die Einlaufkinder“, lacht die Ex-Spielertrainerin und denkt gerne daran zurück, dass „der Schlotterbeck sogar durch den Spielertunnel gelaufen ist und uns abgeklatscht hat.“ Beim Gang aufs Spielfeld wurden sie dann den Schwaben zugeteilt, und Iris Meth – einst Keeperin der Waltroperinnen – machte sich sorgen, für den „Job“ mittlerweile zu langsam zu sein. Diese wurden ihr aber direkt durch den ihr zugeteilten Angelo Stiller genommen: „Der hat mir gesagt, das käme gut hin, er wäre schließlich auch der Langsamste in seiner Mannschaft“.
Derlei direkten Kontakt zum „Haupt-Act“ des Nachmittags hatte es in den 1970ern eher noch nicht gegeben, sind sich die Waltroperinnen in der Rückschau einig: Die Kicker-Kollegen beider Vereine hätten die Frauen noch eher mit merklicher Skepsis gemustert. Das aber fällt heute offenkundig nicht mehr ins Gewicht, angesichts der vielen besonderen Erinnerungen. An die über 50.000 Zahlenden etwa, oder an den Siegtreffer von Vorstopperin Ute Meth, über den immer noch Zungen behaupten, er sei ja eigentlich als Flanke gedacht gewesen. Womit dann, in Waltrops Pizzeria, zugleich die Flanke zur alles entscheidenden, zentralen Frage geschlagen wäre: Wer war denn nun am 2. April 1974 wirklich für den allerersten Treffer des Tages – den „Geschichtsbuch-Treffer“ also – verantwortlich? „Den Sieg haben wir uns zwar geholt, aber diese Ehre“, lässt Margarethe Schäferhoff keinen Zweifel, „gebührt eindeutig den Mengederinnen. Das erste Tor gehörte Elli Podschwadtke!“ Damit nicht genug, habe sie selbst sich an diesem Tag überhaupt nicht in die Torschützenliste eingetragen – das entsprechende Gerücht sei aber einfach nicht aus der Welt zu schaffen.
So oder so allerdings sei es eine schöne Zeit gewesen, und immer noch komme man rund zweimal im Jahr zusammen und quatsche … selbstverständlich immer aufs Neue über Fußball. Und einen historischen Titel, grinst Iris Meth, habe man sich im Jahr 1974 ja dann doch gesichert: „Schließlich hab‘ ich das allererste Tor im Westfalenstadion kassiert. Das kann mir auch keiner mehr nehmen.“

















