Als der BVB im DFB-Pokalfinale seinerzeit den Münchner Bayern keine Chance ließ und sie mit 5:2 heimschickte, lautete der Matchwinner auf schwarzgelber Seite Robert Lewandowski. Sagen die einen. Nobby Dickel allerdings besitzt womöglich seine ganz eigene Sicht auf die Ereignisse des 12. Mai 2012, hatten die Borussen doch – zwar regelkonform mit elf Mann aufgelaufen – auf ihrer Seite exakt einen Schuh mehr aufzubieten als der Dauer-Rivale. Den nämlich hatte der Held von Berlin kurz vor dem Anpfiff höchstpersönlich in der Kabine hinterlegt, und es handelte sich beim Treter um eben das Exemplar, welches gemeinsam mit seinem Besitzer wesentlich für den Pokaltriumph anno 1989 gegen Werder Bremen verantwortlich gewesen war. Schlichtweg „die Story des Abends“ war die Anekdote um den besonderen Glücksbringer in der Rückschau für Jürgen Klopp, und der ideelle Wert des Schuhs dürfte für schwarzgelbe Fans spätestens nach dieser Episode kaum noch zu toppen sein.
Zudem allerdings hat sich im Mai 2012 einmal mehr erwiesen: Kicker können ganz schön abergläubische Gesellen sein, und Nobby schießt in dieser Hinsicht noch keinesfalls den sprichwörtlichen Vogel ab. Die Fußball-Historie der letzten Jahrzehnte kennt nämlich so einige schrullige, mitunter befremdliche Beispiele für Profis, die für ihren Erfolg längst nicht nur auf Taktik, Fitness und Spielstärke setzten.
Fangen wir ganz harmlos an: Dass Gregor Kobel bei Elfern für die Borussia dem gegnerischen Tor aus Aberglauben durchweg den Rücken zudreht, ist in den jeweiligen Spielablauf noch problemlos integrierbar. Vorgänger Roman Bürki war da schon anspruchsvoller und grundsätzlich bestrebt, dass Spielgerät vor dem jeweiligen Anpfiff mindestens einmal berührt zu haben. Dafür krabbelte der Schweizer, nur vermeintlich von keiner Kamera eingefangen, dann auch schon mal auf allen Vieren am Schiedsrichterteam vorbei.

(Foto: Wir in Dortmund)
Kobels Teamkollege Karim Adeyemi lebt seinen Aberglauben praktischerweise im Alltag aus: „Niemals schwarze oder weiße Socken“ laute einer seiner Grundsätze, ließ er jüngst in einem Interview verlauten. Es ist davon auszugehen, dass Stutzen im Hause Adeyemi in eine andere Kategorie fallen, sonst würde zumindest die Länderspiel-Karriere problematisch.
Auch der eingangs schon erwähnte Jürgen Klopp war, so sehr ihn die Dickelsche Leihgabe in der Kabine amüsierte, bekanntlich nicht frei vom Glauben an Glücks- oder Unglücksboten: Seine Stadionbegegnung mit SWR-Reporter und „Seuchenvogel“ Stephan Mai im Jahre 2011 dürfte wohl vielen Borussenfans noch im Gehörgang nachhallen.

(Foto: IMAGO / Sven Simon)
Geradezu als Inbegriff von Seriosität lässt sich Klopps Trainerkollege Ottmar Hitzfeld beschreiben: Ein Image, welches sich nicht zuletzt im klassischen beigen Trenchcoat widerspiegelte. Genau diesen allerdings zog der „General“ nach einem Auswärtssieg bei den Bayern in der Saison 1994 quasi nicht mehr aus, bis das gute Stück nach dem 1997er-CL-Triumph für einen mindestens ebenso guten Zweck versteigert wurde.
Mit seiner Entscheidung, ein Kleidungsstück zum Talisman zu erküren, steht Ottmar Hitzfeld in einer langen Tradition, die u. a. auch Udo Latteks blauen Pullover und Felix Magaths grüne Meisterschafts-Krawatte umfasst. Oder Trainer, die für ein gutes Omen sogar zu besonderen persönlichen Opfern bereit waren. Wie Winnie Schäfer, der in seiner Karlsruher Zeit ausgerechnet von der heilsamen Wirkung seiner Puma-Trainingsjacke überzeugt war. Blöd nur, dass der Verein irgendwann den Ausrüster wechselte und der Raubkatze damit gewissermaßen Stadionverbot erteilte. Winnie wusste sich daher nicht anders zu helfen, als noch eine Lederjacke drüberzuziehen. „Konnte ganz schön heiß werden“, gab er rückblickend im Interview zu.

(Foto: IMAGO / Camera 4)
Der italienische Coach Renzo Ulivieri dürfte wissen, wie Schäfer sich fühlte, trug er seinen Glücksmantel am Spielfeldrand doch angeblich noch bei 35° Celsius während eines Auswärtsmatches auf Sizilien – aber selbst Albert Einstein soll einst ja schon erkannt haben, dass Genie aus „1% Inspiration und 99% Transpiration“ besteht. Überhaupt scheint Italien, womöglich wegen seines Sinns für Mystizismus, in Sachen Glücksrituale nochmal ein Schüppchen obendrauf zu legen: Kein Geringerer als Giovanni Trapattoni etwa versprenkelte vor einem WM-Match seiner Squadra Azzura gegen Südkorea anno 2002 Weihwasser unter der Trainerbank. Das Wasserfläschchen hatte er zuvor von seiner Schwester, einer Nonne, erhalten. Und Marco Terdelli, gut 90 Minuten später immerhin tatsächlich sowohl Torschütze als auch Weltmeister, lief beim Endspiel der WM von 1982 gegen Deutschland mit einem unter den Schienbeinschoner geschobenen Heiligenbildchen aufs Feld.
Landsmann Bruno Pesaola bevorzugte da eine weltliche Variante und verzichtete niemals vor einem Spiel darauf, sich seine persönliche Glücksmusik anzuhören. Was in alten, analogen Zeiten weitaus problematischer werden konnte, als man aus heutiger Sicht glauben mag: Die Legende sagt, der Linksaußen habe kehrtgemacht und sei Hunderte von Kilometern nach Hause gefahren, als er einmal „seine Platte“ versehentlich daheim gelassen habe. Zu anschließenden Reaktionen des Trainerteams ist nichts überliefert.

(Foto: IMAGO / ABACAPRESS)
Die allerdings dürften bei unserem abschließenden Beispiel unmissverständlich ausgefallen sein: Von seiner Gewohnheit, als letzter aller Spieler das Feld zu betreten, wollte die ivorische Fußball-Legende Kolo Touré um nichts in der Welt abweichen. Als im Champions-League-Duell seines ehemaligen Arbeitgebers Arsenal London mit dem AS Rom ein angeschlagener Mannschaftskollege in der Pause – und sogar etwas darüber hinaus – einer medizinischen Behandlung bedurfte, spitzte die Situation sich zu. Die armen Londoner, die also ohnehin erst einmal nur zu zehnt aufs Feld zurückgekehrt wären, befanden sich plötzlich in doppelter Unterzahl, denn Kolo Touré hatte nun mal seine eisernen Prinzipien. Für die Gunners und Coach Arsene Wenger nahm der Abend mit einem 1:0-Sieg trotzdem ein versöhnliches Ende, für den Ivorer indes war in London dennoch nach der Saison Schluss. Ob bei den Vertragsverhandlungen auch der Punkt „Extravaganzen“ auf den Tisch kam: Man weiß es nicht.
















