„Fehlende Körperlichkeit“ lautet nach der aus deutscher Sicht so enttäuschend verlaufenen WM sicherlich einer der Trend-Begriffe der Saison: Ein Problem, mit dem sich Abwehrketten, in denen Christian Wörns mitmischte, seinerzeit eher nicht herumschlagen mussten.
Für den mit Außenrist gespielten Diagonal- Pass war der heute 54-Jährige zwar selten ein Kandidat, als Zweikämpfer indes setzte der gebürtige Mannheimer Zeit seiner Karriere Maßstäbe. Im „gestandenen Alter“ an die Strobelallee gewechselt, feierte der Innenverteidiger mit den Schwarzgelben zunächst eine Meisterschaft und hielt ihnen anschließend auch im Tal der drohenden Insolvenz die Treue. Und auch Wörns‘ zweite Karriere – die als Nachwuchs-Coach – nahm zu seiner Zeit als Borusse Gestalt an. Seit inzwischen über sieben Jahren ist der Ex-Kapitän des BVB Trainer wechselnder DFB-Nachwuchs-Teams und legt bei Deutschlands Fußball-Talenten nicht zuletzt auf jene mentalen Tugenden wert, die ihn dereinst stark machten. Im Gespräch mit unserer Redaktion zieht er zudem eine bemerkenswert differenzierte Bilanz der eigenen Laufbahn.
Redaktion: Ab wann war Christian Wörns eigentlich klar, dass sich seine berufliche Zukunft an der Seitenlinie abspielen würde?
Christian Wörns: Das hat sich so entwickelt. Meine Söhne waren beim Hombrucher SV angemeldet, und Erich Speckmann – der ist da, glaube ich, immer noch im Vorstand – hat mich irgendwann mal gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Training zu leiten. ‘Kann ich‘, habe ich gesagt, eine Mannschaft übernommen … und bald festgestellt, dass es mir Spaß macht.
Redaktion: Heißt das, Ihnen war auch von Beginn an klar, einen guten Draht zum Fußball-Nachwuchs zu haben?
Christian Wörns: Auch das entwickelt sich natürlich. Du musst erst einmal deine Trainerscheine machen, also C-, B- und A-Lizenz. Du musst mit den Mannschaften ein Jahr lang trainieren, und ohne Fußballlehrer-Schein geht sowieso nichts in den ersten drei Ligen.
Als ich alles beisammenhatte, hätte ich mir am Anfang auch vorstellen können, im Seniorenbereich zu coachen. Aber meine Leidenschaft, habe ich bald gemerkt, war einfach die Nachwuchsarbeit.
Redaktion: Haben sich denn aus Ihrer Sicht im Laufe der letzten Jahrzehnte die Anforderungen an Nachwuchskicker gewandelt?
Christian Wörns: Von seinen Grundlagen her ist Fußball ja relativ einfach, daher würde ich sagen: Was man vor 50 Jahren zu beherzigen hatte, muss man auch heute beherzigen. Das Spiel hat sich natürlich ein bisschen verändert, aber was Dinge wie Mentalität, Wille und Identifikation betrifft – und sicherlich auch Anstand bzw. die richtige innere Haltung –, ist alles gleichgeblieben. Diese Eigenschaften sollten Spieler also auf jeden Fall mitbringen.
Redaktion: Bringt denn die starke Medienpräsenz nicht veränderte Anforderungen für die jugendlichen Fußballer mit sich?
Christian Wörns: Ja, das mag schon sein. Aber die Spieler wachsen da rein. Und wenn sie erfahrene Leute an der Seite haben, sind sie diesen Herausforderungen auch nicht hilflos ausgeliefert.
Redaktion: Nach der aktuellen WM ist die öffentliche Wahrnehmung ja, dem deutschen Fußball seien ein Stück weit der Kampfgeist und – Trendwort – die Körperlichkeit abhandengekommen. Sie waren zum einen ein Profi, der nie einen Zweikampf gescheut hat und haben zweitens die momentane Entwicklung direkt im Blick: Wie also stehen Sie zu dieser Diskussion?
Christian Wörns: Ich finde, dieser Kritik müssen wir uns in der Entwicklung der Spieler wirklich stellen. Wobei man, was die Nationalmannschaft angeht, durchaus noch ein bisschen differenzieren sollte: Auch die Franzosen haben sich gegen Paraguay einen abgebrochen – gewonnen wurde das Spiel dann nicht wegen eines überragenden mannschaftlichen Zusammenhalts, sondern durch überragende Individualität.
Die Spanier wiederum sind beeindruckend und durchaus Vorbilder. Da hat man eine Mannschaft gesehen, bei der ein Rad ins andere gegriffen hat. Was man den Spaniern vielleicht erst auf den zweiten Blick zuschreibt, sind diese Zweikampf-Cleverness, Zweikampf-Härte und Zweikampf-Stärke – zusammen mit dieser Druckresistenz. Und was das angeht, haben wir vor allem im Jugendbereich schon noch ein bisschen Nachholbedarf. Der Seniorenbereich kann sich natürlich inhaltlich auch um die Ausbildung kümmern, man lernt nie aus, aber eher nicht im Hinblick auf Charakter und Mentalität. Das muss bei uns geschehen, und da sollten wir auch selbstkritisch sein: Das heißt, wir sollten uns, was die Jugendspieler betrifft, quantitativ breiter und besser aufstellen.
Redaktion: Sind wir also in puncto Mentalität in den letzten Jahren tatsächlich zurückgefallen? Und steckt dahinter ein strukturelles Problem?
Christian Wörns: Das war ein längerer, schleichender Prozess. Heute jedenfalls haben wir in der Jugend punktuell zu viele „Ich-AGs“, jeweils mit einer regelrechten Entourage, die da noch dranhängt. Das gilt für einige, nicht für alle. Diese Jungs fallen dann irgendwann leider aus dem System, denn solch eine Haltung rächt sich. Aber genau deswegen fehlt uns ein bisschen die Breite.
Die Spieler werden so geprägt, wie sie geprägt werden, aber etlichen tut das nicht gut: Ein „Max Mustermann“ im Gewand von Cristiano Ronaldo bleibt trotzdem erstmal „Max Mustermann“ und kommt nicht umhin, sich erstmal Schritt für Schritt zu beweisen. Diesem Grundproblem jedenfalls müssen wir uns in unserem System stellen.
Redaktion: Was war denn die Ihnen selbst der Faktor, der Ihnen den Weg zur Karriere geebnet hat?
Christian Wörns: Ich habe mehr gemacht als andere. Ich war auf dem Bolzplatz, bin für mich gelaufen, gejoggt, habe Krafttraining gemacht und so weiter. Und ich war wohl auch einfach ehrgeiziger als andere. Klar hat jeder seine eigene Identität, und ein Abwehrspieler muss andere Voraussetzungen erfüllen als ein Mittelstürmer: Aber diese Haltung, den Charakter, den Ehrgeiz, noch ein bisschen mehr zu machen: Das ist schon der Schlüssel für viele Spieler.
Redaktion: Um mal den Bogen zu Ihrer Dortmunder Zeit zu schlagen: Sie waren einerseits vier Jahre Mannschaftskapitän, haben mehr Pflichtspiele für die Borussia auf dem Konto als etwa Neven Subotic oder Kevin Großkreutz. Andererseits markiert aber das Ende Ihrer aktiven Laufbahn zugleich auch das Ende Ihrer schwarzgelben Aktivitäten: Wieviel BVB-DNA wäre in Christian Wörns also noch nachweisbar? Wie eng ist die Verbindung?
Christian Wörns: Ich habe mich natürlich immer mit den Fans identifiziert, mit der Stimmung und der Power, die dieser Klub hat. Und nach der Karriere möchte man die alten Verbindungen natürlich eigentlich pflegen, aber irgendwann verläuft auch das dann im Sande: Meistens einfach aus Zeitmangel. Ich habe meinen Lebensmittelpunkt in München und Mannheim, das ist eben nicht um die Ecke.
Redaktion: In Ihrer aktiven Zeit haben Sie an der Strobelallee Gipfel und Täler mitgenommen – leider im Grunde in dieser Reihenfolge. Stand für Sie in der Zeit der Fast-Insolvenz nie zur Debatte, zu sagen: ‘Ich packe mal meine Koffer‘?
Christian Wörns: Anfragen gab es durchaus immer mal wieder. Einmal habe ich mir das Innenband angerissen, und dann hatte sich das erledigt. Als Sportler ist man natürlich unheimlich ehrgeizig, und man hat nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Wenn eben möglich, möchte man europäisch mitmischen. Und das hat mir, muss ich sagen, in den letzten Jahren beim BVB natürlich gefehlt. Andererseits wollte ich auch ein bisschen Kontinuität in meinem Leben, ich war halt inzwischen im „gehobenen Alter“. So habe ich dann in mich reingehorcht: ‚Machst du jetzt noch ein, zwei Jahre irgendwo anders?‘, und letztlich war die Antwort darauf: ‚Nein‘ – also ein ‚Ja‘ für den BVB.
Redaktion: Dem ja das Wasser damals mindestens bis zum Hals stand. Wie dicht war man in dieser Zeit als Spieler an den Geschehnissen? Hat man wirklich für möglich gehalten, dass – sollte alles schieflaufen – sich der Klub binnen der nächsten Wochen in Luft auflöst?
Christian Wörns: Nee, ich hatte nie dieses Gefühl. Klar: Es war „Spitze auf Knopf“. Aber wir haben ja auch intern Gespräche geführt, und da ging die Stimmung doch eher Richtung „Wir kriegen das irgendwie gebacken!“
Redaktion: Beim BVB liefen Sie ja, nachdem dieser Sturm sich gelegt hatte, auch gemeinsam mit Robert Kovac aufs Feld, und sein Bruder war Ihr Mannschaftskamerad in Leverkusen. Niko Kovac musste hier an der Strobelallee zunächst mit einigem Gegenwind umgehen, mittlerweile erfährt seine Arbeit mehr Respekt. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation des BVB?
Christian Wörns: Um es gleich mal vorneweg zu sagen: Menschlich sind sowohl Niko als auch Robert hochanständig. Ich finde, das merkt man bei Niko auch immer: Dass er menschlich etwas rüberbringen und dabei verbindlich sein möchte.
Und sportlich, finde ich, muss man beiden dankbar sein. Sie haben die Mannschaft in einer wirklich schwierigen Situation übernommen – und als Außenstehender unterschätzt man vielleicht, wie schwer das ist: Erstmal zu stabilisieren, dann den Turnaround zu schaffen und sich auf dem neuen Niveau wieder zu stabilisieren. Und das haben Niko und sein Team absolut Weltklasse gemacht. Das schafft wirklich nicht jeder.
Redaktion: Abschließend wäre ich noch neugierig, wie Christian Wörns auf seine eigene Karriere zurückblickt. Die hielt Titel, aber auch Verletzungen und die eine oder andere Enttäuschung bereit. Welches ist die persönliche Bilanz?
Christian Wörns: Rundum zufrieden bin ich da nicht, aber man muss differenzieren zwischen internationaler Karriere im Verein und internationaler Karriere in der Nationalmannschaft. Auf Vereinsebene wäre ich vollauf zufrieden gewesen, hätten wir 2002 den UEFA-Cup gewonnen. Da waren wir im Finale [2:3 gegen Feyenoord Rotterdam, die Red.], dann hat es aber leider nicht geklappt. Bei einem Sieg hätte ich gesagt: Ein internationaler Titel, sehr gut. So aber: Ein bisschen zwiespältig.
In der Nationalmannschaft kam ich als junger Spieler zu einem gewachsenen Team, das nicht lange vorher Weltmeister geworden war – also wirklich ein Kader vom Allerfeinsten. Da hatte man es als junger Spieler schwer, aber ich habe mich trotzdem durchgebissen.
Später hatte ich wirklich zwei-, dreimal Pech mit Verletzungen, das ist für einen Sportler dann immer bitter. Ich hätte gern das eine oder andere Endturnier mehr mitgenommen, und entsprechend auch das eine oder andere Länderspiel mehr. Aber, naja: Nur ganz wenige sind so vom Glück begünstigt, dass sie das volle Programm kriegen. Ich habe immerhin ein bisschen davon gekriegt!
Redaktion: Vielen Dank, Herr Wörns, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

















