Witzig: Beim „Odonkor-Tor“ weiß jeder Ü35-Fußballfan sofort, wovon die Rede ist, dabei war es eigentlich eine Flanke. Aber eben auch das Sahnehäubchen auf eine besondere Geschichte, am Ende eines besonderen Spiels, am Anfang eines besonderen Sportereignisses. Und genau dieses – den „Summer of 2006“ – sieht sich Sportjournalist Robert Reng in seinem neuesten Buch noch einmal genauer an. Ohne auch nach zwei Jahrzehnten seine Verblüffung über diese Zeit verhehlen zu können, in der – wie es im Untertitel heißt – „plötzlich die Leichtigkeit einzog“.
Insgesamt schlägt der Autor auf den gut 380 Seiten von „Der deutsche Sommer“ einen Mittelweg ein: Reng will den Ursachen für 31 Tage Schwerelosigkeit nachspüren, aber die Angelegenheit auch feiern. Bei seiner Analyse kommt dem Moment, mit dem David Odonkor sich unsterblich machte, große Bedeutung zu. Der in letzter Minute erzwungene Sieg, vorbereitet von einem, den kurz zuvor niemand auf dem Zettel hatte, verlieh der WM-Euphorie nach Rengs Auffassung nochmal einen gründlichen Push. Interessant auch, wie heimlich Klinsmann und sein Umfeld den Odonkor-Coup vorbereitet hatten: Nicht einmal der Name fiel – das kennt man sonst nur von Lord Voldemort.
Noch einen weiteren Dortmunder beschreibt das Buch als Weichensteller für Deutschlands WM-Sommer. „Public Viewing“ war vor zwanzig Jahren noch keine Selbstverständlichkeit, sondern eine waghalsige Idee mit reichlich Gegenwind: Die Kosten! Das Sicherheitsrisiko! Skeptische Sponsoren! Dann ging Dortmunds „WM-Beauftragter“ Gerd Kolbe voran und verkündete, man plane ein Fanfest mit Videowand auf dem Neuen Markt. Bald zogen andere nach, der Rest ist Geschichte: Kann man mal sehen!
Insgesamt setzt Ronald Reng in seinen Turniererinnerungen auf eine bewährte „Spieltaktik“: Er heftet sich für die Dauer des Turniers an die Fersen einiger Protagonisten und beschreibt deren Emotionen: U. a. ist Thomas Hitzlsperger als ehrgeiziger, hoffender „Ergänzungsspieler“ dabei, Bernd „Schnicks“ Schneider als Stammkraft, Alexandra Popp als fußball-fanatischer Teenager aus der Provinz. Einer setzt nicht mal einen Fuß in ein WM-Stadion, er war im Grunde „nicht von dieser Welt“: Astronaut Thomas Reiter sah im Sommer 2026 von seinem „Logenplatz“ in der ISS die Sonne täglich 16 mal aufgehen. Reng webt ein dichtes Netz an Geschichten und Gefühlen, das es den Leser*innen leicht macht, sich in der Zeit zurückfallen zu lassen. Dass weder das Sommermärchen noch einige seiner Protagonisten später nur erfreuliche Nachrichten produzierten, lässt er nicht unerwähnt. Manchmal kippt der Tonfall dennoch etwas in Richtung Heldenerzählung – aber was soll‘s? Schließlich geht‘s darum, eine viereinhalb Wochen lange, unbeschwerte Party zurück ins Gedächtnis zu holen. Einen Sommer der Leichtigkeit, auf den wir noch immer verblüfft zurückblicken.
„Der deutsche Sommer“, Ronald Reng, Piper Verlag, 25 €.

















