Sieben Jahre lang war Michael Lohrmann mit einem amerikanischen Schulbus voller Schallplatten in Deutschland unterwegs. Nun bekommt die Geschichte des VINYL BUS ein neues Kapitel: Ab September wird aus dem fahrenden Plattenladen für dreieinhalb Monate ein stationärer Pop-up-Store in Dortmund. In der Kaiserstraße 88 entsteht die „Vinyl Stadt Dortmund“ – mit rund 10.000 Schallplatten und einer Idee, die weit über den Verkauf von Vinyl hinausgeht.

Projekt dauerte länger als geplant
Lohrmann ist mit Schallplatten groß geworden. Seine erste eigene Platte kaufte er im Alter von sieben Jahren. Später wurde Musik auch beruflich zu seinem Thema. Er gab unter anderem das Musikmagazin VISIONS heraus und war über viele Jahre in der Musik- und Medienbranche tätig. Vor rund acht Jahren verkaufte er seinen Verlag und stand vor der Frage, was als Nächstes kommen sollte. Die Antwort fiel ungewöhnlich aus: ein amerikanischer Schulbus, umgebaut zu einem fahrenden Plattenladen.
Eigentlich sollte das Projekt nur ein Jahr dauern. Am Ende wurden daraus sieben Jahre. Mit dem VINYL BUS fuhr Lohrmann durch Deutschland, verkaufte Schallplatten und brachte Vinyl auch in Städte und Orte, in denen es längst keinen klassischen Plattenladen mehr gab. „Die sieben Jahre sind sechs Jahre länger, als ich eigentlich geplant hatte“, erzählt er im Gespräch.
Stationärer Laden mit mehr Möglichkeiten
Im Bus fanden rund 4.000 Platten Platz. Für eine gute Auswahl reichte das, doch ein stationärer Laden eröffnet ganz andere Möglichkeiten. In der Kaiserstraße 88 sollen künftig rund 10.000 LPs angeboten werden. Dadurch kann Lohrmann deutlich mehr Genres und Musikrichtungen abdecken als bisher. Die „Vinyl Stadt Dortmund“ soll damit auch ein Ort werden, an dem man stöbern, entdecken und vielleicht genau die Platte finden kann, nach der man gar nicht gesucht hat.
Renaissance der Schallplatte
Dass Vinyl längst nicht mehr nur etwas für ältere Sammlerinnen und Sammler ist, erlebt Lohrmann auf seinen Touren immer wieder. Gerade bei jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren sei Schallplatte durchaus ein Thema, vor allem in größeren Städten. Gleichzeitig beobachtet er einen Unterschied zwischen dem Kauf von gebrauchten Platten und dem aktuellen Vinyl-Boom bei großen Popstars. Für manche Fans ist die Schallplatte inzwischen vor allem Merchandise. Sie wird gekauft, obwohl gar kein Plattenspieler vorhanden ist.
Für andere ist Vinyl dagegen ein bewusstes Gegenstück zur digitalen Musik. Eine Platte aufzulegen, das Cover anzusehen, vielleicht die Texte mitzulesen und ein Album am Stück zu hören, schafft eine andere Form des Musikhörens. Lohrmann glaubt, dass auch die zunehmende digitale Sättigung eine Rolle spielt. Viele Menschen sehnten sich nach etwas Haptischem, nach einem Gegenstand, den sie in die Hand nehmen können, und nach einem Moment, in dem sie sich bewusst Zeit für Musik nehmen.
Dabei geht es für ihn nicht nur um Musik, sondern auch um Erinnerungen. Schallplatten können Erinnerungen an bestimmte Zeiten, Menschen und Lebensphasen zurückbringen. Bei Lohrmann ist diese Verbindung ganz persönlich: Seine erste eigene Platte war „The Wall“ von Pink Floyd. Das Album sei für ihn ein prägendes Hörerlebnis gewesen und habe möglicherweise sogar dazu beigetragen, dass er später selbst in der Musikbranche und im Musikjournalismus gelandet ist.
Dortmund mit großer Plattenladen-Szene
Warum die „Vinyl Stadt Dortmund“ entsteht, ist für Lohrmann schnell erklärt: Er lebt selbst in Dortmund und wohnt unweit der Kaiserstraße. Doch auch die Stadt selbst spielt für ihn eine wichtige Rolle. Schon während seiner Zeit mit VISIONS organisierte er zahlreiche Veranstaltungen in Dortmund. Er möchte dazu beitragen, dass die Stadt auch als Musikstandort stärker wahrgenommen wird.
Denn Dortmund habe musikalisch mehr zu bieten als die bekannten großen Themen. Besonders die vorhandene Plattenladen-Szene sieht Lohrmann als Stärke. Nach seiner Einschätzung gibt es in Dortmund elf Plattenläden – für ihn eine besondere Dichte im Ruhrgebiet. Genau diese bestehende Struktur soll mit der Initiative „Vinyl Stadt Dortmund“ stärker sichtbar werden.
Dafür sind unter anderem eine eigene Internetseite, Anzeigen und eine landesweite beziehungsweise bundesweite Plakatierung geplant. Ziel ist es, Menschen, die sich für Schallplatten interessieren, auf Dortmund aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass es hier einiges zu entdecken gibt. Die „Vinyl Stadt Dortmund“ soll dabei nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Hinweis auf eine bereits vorhandene Szene.
Eröffnung am 12. September
Am 12. September 2026 ist die offizielle Eröffnung des Pop-up-Stores in der Kaiserstraße 88 geplant. Los geht es um 10 Uhr. Bereits am Tag zuvor soll es ein Pre-Opening für Menschen geben, die den Newsletter des VINYL BUS abonniert haben.
Wie es nach dem Pop-up weitergeht, weiß Lohrmann selbst noch nicht. Der Store ist zunächst bis Dezember geplant. „Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung“, sagt er auf die Frage nach der Zukunft. Nach sieben Jahren VINYL BUS und den Vorbereitungen für den neuen Laden sei schlicht kaum Zeit geblieben, sich mit dem Jahr 2027 zu beschäftigen. Erst einmal müsse die „Vinyl Stadt Dortmund“ an den Start gebracht werden.
Auch der amerikanische Schulbus ist noch nicht endgültig aus seinem Leben verschwunden. Er steht derzeit bei Lohrmann zu Hause und wartet auf eine neue Lichtmaschine. Ausgerechnet wenige Tage vor dem Ende der Tour war das wichtige Ersatzteil kaputtgegangen. Weil Ersatzteile für amerikanische Schulbusse teilweise schwer zu bekommen sind, ist der Bus noch nicht wieder fahrbereit. Sobald er repariert ist, soll er verkauft werden.
Damit endet nach sieben Jahren eine ungewöhnliche Reise. Was danach kommt, bleibt offen. Für die nächsten Monate steht jedoch erst einmal Dortmund im Mittelpunkt: 10.000 Schallplatten, eine Stadt mit einer überraschend großen Vinyl-Szene und ein Pop-up-Store, der zeigen möchte, dass die Liebe zur Schallplatte längst nicht nur ein Blick zurück ist, sondern auch bei einer neuen Generation angekommen ist.

















