Aurelia Temme ist 19 und lebt im Kaiserviertel. Die Pfadfinderin leitet neuerdings die Wölflinge beim Stamm St. Franziskus.
Wenn ich an Pfadfinder denke, denke ich an Lagerfeuer, Gitarre und Zeltlager: Sind das alles Vorurteile? Oder tatsächlich der Hauptbestandteil des Pfadfinderlebens?
Also, Vorurteile hört sich so negativ an. Aber trotzdem gehört das natürlich dazu. Zum Beispiel fahren wir über Christi Himmelfahrt als ganzer Stamm weg. Ich leite jetzt die Wölflinge (die Sieben- Zehnjährigen). Und im Zeltlager abends am Lagerfeuer sitzen, ein bisschen Gitarrenmusik im Hintergrund…man erlebt einfach Abenteuer zusammen!
Wie bist Du zu den Pfadfindern gekommen?
Durch meine beste Freundin aus der Grundschule. Ich hab sie gefragt: ‚Pfadfinder?! Was sind denn Pfadfinder?‘ Und sie darauf: ‚Das kann ich dir gar nicht erklären!‘ – Und dann hat sie mich mitgenommen, einfach so, nach der Schule. Und dann war ich bei dieser Gruppenstunde dabei. Und wir haben einfach gequatscht.
Wie? Einfach nur gequatscht?
Die Gruppentreffen jede Woche sind individuell. Man backt oder kocht was. Man unterhält sich. Man spielt Spiele zusammen. Je nachdem, worauf halt auch die Gruppenkinder Lust haben. Oder einfach mal was Neues ausprobieren, um Erfahrungen zu sammeln. Gerne draußen, Natur ist uns grundsätzlich sehr wichtig.
Die Kinder und Jugendlichen lernen also spielerisch, nach den Regeln der sogenannten Pfadfinderpädagogik. Wie sieht die aus?
Natürlich gibt es Grenzen, aber im Prinzip darf jeder einfach so sein, wie er will. Man kann sich ausprobieren, und jede von deinen Stärken wird irgendwie in den Stamm mit eingebaut. Und keiner wird verurteilt, wenn er mal irgendeinen Fehler macht. Beim Spüldienst zum Beispiel, die Kinder spülen ihre Teller selbst. Oder im Zeltlager: Da unterstützen die Kinder auch uns Leiter. Du kannst also einfach Kind sein, und lernst quasi nebenbei, selbstständig zu werden und Verantwortung zu übernehmen.
Verantwortung für sich selbst – und für die Gemeinschaft. Die ist ja sehr wichtig für Euch Pfadfinder.
Es ist einfach dieses Gefühl von Zusammenhalt. Man weiß, man kann sich aufeinander verlassen. Dieses Gefühl von: große Schwester, kleine Schwester – oder großer Bruder, kleiner Bruder. Ein bisschen Geborgenheit, dass man füreinander da ist. Das ist auch einer der Gründe, warum ich jetzt Leiterin bin. Nach all den Jahren möchte den Kindern etwas weitergeben. Die Pfadfinder sind für mich halt wie eine Familie! Und inzwischen ist auch meine kleine Schwester mit dabei.
Die Zugehörigkeit erkennt man auch äußerlich, durch Eure Uniform mit den vielen Aufnähern. Was haben die zu bedeuten?
Uniform hört sich doof an, wir sagen Kluft! Die gehört einfach zu uns, das ist so was wie unser Markenzeichen, unsere Tradition. Unser Stamm (St. Franziskus) hatte letztes Jahr 50 jähriges Bestehen.
Und was haben die vielen Aufnäher zu bedeuten?
Einige sind von Zeltlagern, die haben häufig ein Motto. Wir hatten schon mal ein Star-Wars-Lager, es gab schon mal ein Harry-Potter-Lager, ein Pokémon-Lager, ein Avatar-Lager hatten wir auch. Aber es gibt auch Standard-Patches, wie den, auf dem Robert Baden-Powell (1857-1941) zu sehen ist, das ist unser britischer Gründungs-Vater.
Und die lilafarbene Lilie auf Deiner Brust?
Das ist die Pfadfinder-Lilie! Die steht für Selbstständigkeit lernen, Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft erleben und Werte vermitteln.
Zum Beispiel?
Schau mal, dieser hier! Auf dem steht ‚Love-Scouting – Hate Racism!‘ (‚Ich liebe Pfadfinder, aber ich hasse Rassismus!‘) Das dulden wir nicht, Pfadfinder sind immer weltoffen!


















