Er hat sich selbst einen Beruf erfunden. Kulturwirt. Einer, der Räume mit Leben füllt, Bands eine Bühne gibt und Begegnungen möglich macht. Jahrelange, freie Kulturarbeit liegen hinter Marco, geprägt von Improvisation, Idealismus und jeder Menge persönlichem Einsatz. Mit dem „Wohnzimmer im Piepenstock“ hat er sich in Hörde einen Namen gemacht – nun beginnt ein neues Kapitel. Im Gespräch blickt er ausführlich zurück und nach vorn.
Marco, wenn Sie auf Ihre Zeit in Hörde und im Piepenstock zurückblicken – was bleibt?
Vor allem eine sehr intensive und gleichzeitig sehr erfüllende Zeit. Ich habe im Grunde alles selbst gemacht – vom Einkauf über die Organisation bis hin zu den Veranstaltungen selbst. Das war manchmal grenzwertig, aber es hat mich auch extrem geprägt. In dieser Phase habe ich mich als Kulturwirt definiert, also jemanden, der Kultur nicht nur organisiert, sondern lebt und gestaltet. Es war eine Art Selbstfindung, auch wenn das vielleicht pathetisch klingt.
War es schwer, diesen Ort hinter sich zu lassen?
Es war emotional natürlich nicht ganz leicht, aber ich hatte den Vorteil, dass ich eine längere Übergangsphase hatte. Durch die Kündigungsfrist konnte ich mich sechs Monate darauf einstellen, dass es zu Ende geht. Dadurch war der Abschied kein abrupter Bruch. Als die Tür dann wirklich zuging, war das für mich ein klarer, fast schon befreiender Moment. Es war ein Abschluss, mit dem ich gut leben konnte.
Was hat letztlich zur Schließung geführt?
Das war eine Mischung aus mehreren Faktoren. Eine ziemlich hohe Forderung hat mich wirtschaftlich stark unter Druck gesetzt. Dazu kamen Nebenkosten-Nachzahlungen, die in der Höhe schwer kalkulierbar waren. Und das Problem ist: Wenn man in so einem Modell irgendwann anfangen muss, eigenes Geld reinzustecken, funktioniert es langfristig nicht mehr. Es war ja nie als hochprofitables Geschäft gedacht, sondern eher als idealistisches Projekt – aber auch Idealismus hat Grenzen.
Wie schwierig ist es generell, von freier Kulturarbeit zu leben?
Sehr schwierig. Ohne Förderungen ist man im Prinzip komplett auf sich gestellt. Man bewegt sich irgendwo zwischen Gastronomie und Veranstaltungsbetrieb, hat aber nicht die gleichen Sicherheiten. Es gibt zwar vereinzelt Förderprogramme, aber die greifen oft nur punktuell oder sind schwer zugänglich. Im Alltag bedeutet das: Man trägt das volle Risiko selbst. Und das ist auf Dauer einfach belastend.
Trotzdem haben Sie über Jahre weitergemacht. Was hat Sie motiviert?
Ganz klar die Überzeugung, dass diese Art von Kultur wichtig ist. Live-Musik, direkte Begegnungen, diese Nähe zwischen Künstlern und Publikum – das ist etwas, das man nicht ersetzen kann. Gerade in Zeiten, in denen vieles digital stattfindet, hat das eine besondere Bedeutung. Und man merkt ja auch: Die Menschen suchen genau diese Erlebnisse.
Gibt es besondere Momente oder Konzerte, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Es sind weniger einzelne Momente als vielmehr die Vielfalt. Besonders spannend fand ich oft die Acts, die nicht unbedingt auf den ersten Blick massentauglich waren. Internationale Künstler aus den USA oder den Niederlanden zum Beispiel, die mit einer ganz eigenen Haltung auf die Bühne gehen. Diese Konzerte hatten oft eine besondere Energie. Aber insgesamt war das ganze Projekt für mich wie eine große, fortlaufende Inszenierung – nur eben im echten Leben.
Sie sind jetzt im Steigerturm aktiv. Was ist dort anders als früher?
Der größte Unterschied ist, dass ich nicht mehr alles allein machen muss. Ich bin Teil eines Teams, das sich die Aufgaben teilt. Ich kümmere mich vor allem um das Booking, die Betreuung der Bands und die Moderation. Dinge wie Einkauf, Organisation oder bürokratische Themen liegen nicht mehr komplett bei mir. Das ist eine enorme Entlastung und gibt mir mehr Raum für das, was ich eigentlich machen möchte.
Hat sich auch das Publikum verändert?
Ja, ein Stück weit schon. Jeder Ort bringt automatisch ein anderes Publikum mit sich. Die Umgebung, die Struktur des Stadtteils, das alles spielt eine Rolle. Gleichzeitig habe ich aber auch viele Menschen aus der alten Zeit mitgenommen. Es ist jetzt eine Mischung aus Bekanntem und Neuem – und das macht es eigentlich sehr spannend.
Welche Elemente aus dem Piepenstock haben Sie bewusst übernommen?
Vor allem die Nähe und die persönliche Atmosphäre. Das bleibt für mich zentral. Auch das Prinzip der Hutkonzerte haben wir beibehalten, weil es eine direkte Verbindung zwischen Publikum und Künstler schafft. Neu hinzugekommen ist zum Beispiel, dass wir Bands vor dem Auftritt kurz interviewen. Dadurch entsteht nochmal ein anderer Zugang, sowohl für das Publikum als auch für die Künstler selbst.
Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken – würden Sie den gleichen Weg wieder gehen?
Ja, definitiv. Es war ein Abenteuer im besten Sinne. Ich habe mich oft einfach treiben lassen, habe Dinge ausprobiert und geschaut, was passiert. Natürlich war nicht alles planbar, und vieles war auch anstrengend. Aber genau daraus ist etwas entstanden, das ich so nicht hätte konstruieren können. Diese Form von lebendiger, unmittelbarer Kulturarbeit würde ich jederzeit wieder machen.

















