Wer durch die Wesengutstraße in Benninghofen schlendert, ahnt es kaum: Hinter der unscheinbaren Fassade der Hausnummer 4 verbirgt sich ein kleines Stück Dortmunder Geschichte – und aktuell auch ein Fall fürs Amtsgericht. Das 1965 errichtete Reihenmittelhaus steht vor der Zwangsversteigerung, wie aus einem aktuellen Wertgutachten hervorgeht.
Erbbaurecht statt Eigentum
Besonders am Objekt ist, dass die Bewohner nie Eigentümer des Grundstücks waren, sondern lediglich ein sogenanntes Erbbaurecht besaßen. Dieses wurde bereits 1961 für 99 Jahre vereinbart – ein Modell, das in den 1960er-Jahren häufig genutzt wurde, um jungen Familien den Bau eines Eigenheims auch ohne Grundstückskauf zu ermöglichen. Der Erbbauzins, ursprünglich nur wenige D-Mark pro Jahr, wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach angepasst – zuletzt 2024 auf gut 318 Euro jährlich. Von der ursprünglich vereinbarten Laufzeit sind noch rund 37 Jahre übrig.
Kleines Haus, große Geschichte
Das gut 79 Quadratmeter große Zuhause mit Keller, Erd- und Obergeschoss bietet auf überschaubarer Fläche Platz für eine kleine Familie: Diele, Küche, Wohnzimmer, zwei Kinderzimmer und ein Schlafzimmer verteilen sich auf die Etagen – ein typischer Grundriss seiner Bauzeit. Das Grundstück selbst ist mit rund 181 Quadratmetern eher schmal geschnitten, aber ordentlich ausgenutzt. Auffällig ist der nach Westen ausgerichtete Garten, der an ruhigen Nachmittagen die Abendsonne einfängt.
Was das Haus wert ist
Ein öffentlich bestellter Sachverständiger hat den Verkehrswert des Erbbaurechts ermittelt – also den Preis, der für das Wohnrecht auf fremdem Grund am freien Markt realistischerweise erzielbar wäre. Grundlage dafür ist unter anderem der örtliche Bodenrichtwert von 490 Euro pro Quadratmeter, der für die Lage in Benninghofen als solide gilt. Nach Abzug des Grundstücksanteils, aber unter Berücksichtigung von Lage, Baujahr, Zustand und Ausstattung, kommt das Gutachten auf einen Wert von rund 189.000 Euro – umgerechnet etwa 2.390 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.
Weil das Haus mangels Zugang nur von außen begutachtet werden konnte, wurde zusätzlich ein Sicherheitsabschlag von rund 20.000 Euro berücksichtigt, um Unsicherheiten über den tatsächlichen Innenzustand abzufedern. Damit sinkt der für die Versteigerung maßgebliche Wert auf etwa 169.000 Euro. Da im Zwangsversteigerungsverfahren nach anderen rechtlichen Maßstäben bewertet wird als im freien Verkauf, weist das Gutachten zusätzlich einen leicht abweichenden Wert von rund 175.000 Euro aus – der sogenannte Wert nach dem Zwangsversteigerungsgesetz.

Unter der Oberfläche: Dortmunds Bergbau-Erbe
Wer in Benninghofen wohnt, lebt buchstäblich auf Geschichte. Auch unter der Wesengutstraße verlaufen einst genutzte Kohleflöze – Relikte des historischen Bergbaus, der die Region über Jahrhunderte geprägt hat. Fachleute halten heutige Auswirkungen zwar für unwahrscheinlich, ausschließen lässt sich ein Einfluss auf die Standsicherheit jedoch nie ganz. Ein Sachverständiger gab für das Grundstück dennoch Entwarnung: Weitere Untersuchungen seien nicht nötig.
Der Charme des Unrenovierten
Aus dem Gutachten wird deutlich: Das Haus hat die Jahrzehnte weitgehend im Originalzustand überstanden. Alte Holzfenster, eine ursprüngliche Haustür, verwitterte Dacheindeckung – hier hat seit dem Bau offenbar wenig Modernisierung stattgefunden. Für Liebhaber historischer Bausubstanz mag das reizvoll klingen, für künftige Käufer bedeutet es vor allem: Sanierungsbedarf, der sich auch in der vorsichtigen Wertermittlung widerspiegelt. Ob das Haus in der Zwangsversteigerung an eine neue Familie geht, die die gute Wohnlage Benninghofens mit seiner Nähe zur Benninghofer Mark zu schätzen weiß, wird sich zeigen. Fest steht: Auch unscheinbare Reihenhäuser erzählen Geschichten – von Aufbruch in der Nachkriegszeit, von jahrzehntelangem Wohnen auf Erbbaugrund und von einem Stadtteil, der sich stetig wandelt und dabei doch seinen Charakter bewahrt.

















