Irgendwann am späten Abend des 31. Juli war endgültig „Schicht“: „Schreib: ‘Das Herz blutet‘“, schlägt Wirt Vasilios als Überschrift vor – und man sieht ihm an, dass er’s ernst meint. 34 Jahre lang betrieb das Ehepaar Freyderike Kotsi und Vasilios Anyfantis mit dem Haus Lichtenberg an der Frohlinder Straße eine der letzten Kirchlinder Kneipen, doch ausgerechnet das letzte Kapitel dieser langen Geschichte war das traurigste: Ein brutaler Überfall auf Gäste und Betreiber am Maifeiertag bewog die beiden, den eigentlich erst vage in den Blick genommenen Ruhestand ein Stückchen vorzuziehen. „Das Abschiednehmen fällt richtig schwer“, gibt Wirt „Sili“ zu Protokoll, „aber es ist nicht mehr das Gleiche: Sobald der Kopf zur Ruhe kommt, ist die Erinnerung wieder da!“
Mindestens eine weitere Sorge aber ist dem Kneipier schon seit einigen Tagen abgenommen: Die nämlich, für „sein Wohnzimmer“ keinen Nachmieter zu finden. Krempelt der Nachfolger an der Frohlinder Straße doch bereits seit Anfang August die Ärmel auf, wohnt in der Nachbarschaft und ist in Kirchlinde ebenfalls so etwas wie ein „Gastro-Urgestein“: Mo Souri war seit 2000 Mitarbeiter der Pizzeria „La Romana“ und in den zurückliegenden neun Jahren Inhaber des Lokals. Nicht lange nach dem Silberjubiläum aber entschied der 45-Jährige sich aufgrund von Differenzen mit seinem Vermieter, nach alternativen Räumlichkeiten Ausschau zu halten. Lange suchen musste er nicht, war der Sohn der beiden Haus-Lichtenberg-Betreiber doch sein langjähriger Kunde. Handelseinig, berichtet er, wurde man sich dann im Handumdrehen.
Und so läuft das „La Romana“ bereits seit Anfang August unter neuer Leitung, während dessen ehemaliger Chef einen Kilometer entfernt den Neuanfang in Angriff nimmt. „Casa Milano“ soll Kirchlindes neues italienisches Restaurant heißen und, wenn alles läuft wie geplant, bereits am 1. Oktober erstmals seine Türen für Besucher*innen öffnen. Zwei der Angestellten werden mit von der Rahmer an die Frohlinder Straße wechseln, und auch beim Angebot setzt Mo Souri ganz überwiegend auf Kontinuität. Er ergänzt aber: „Die Getränkekarte haben wir früher ein bisschen vernachlässigt, da wollen wir in Zukunft eine größere Auswahl bieten und z. B. auch einige Cocktails mit ins Programm nehmen.“
Zwischen Hausfront und Bürgersteig soll im Laufe der nächsten Wochen eine Art Wintergarten entstehen, dessen Dach bei Bedarf – also bei schönem Wetter – komplett eingerollt werden kann. An den ersten beiden Tagen wird das „Casa Milano“ das Publikum mit einer Menge Sonderangebote begrüßen. Auch die beiden bisherigen Chefs werden im Übrigen wohl dabei sein. „Nein, nein“, bekräftigt Wirtin Freyderike, „wir lassen das hier nicht aus den Augen. Die Gäste hier: Das war über Jahrzehnte unsere Familie!“

















