Irgendetwas muss bei Luzi Graupeter falsch gelaufen sein – oder, genauer gesagt: Anders als bei den meisten ihrer Altersgenoss*innen. Denn während der jüngeren Generation für gewöhnlich landauf, landab mangelndes gesellschaftliches Engagement attestiert wird, gibt’s beim KSV Kirchlinde womöglich kaum einen Job, den die Psychologie-Studentin nicht bereitwillig übernehmen würde – mit gerade mal 23 Jahren. Aktive Sportlerin ihres Clubs war sie selbstverständlich auch schon, und zwar in beiden KSV-Abteilungen. Motivationsprobleme? Fehlanzeige: Kirchlindes umtriebigen Verein dürfte es bei derlei unermüdlichem Tatendrang um die Zukunft nicht bange sein.
Redaktion: Andere Vereine suchen händeringend nach tatkräftigen Unterstützern, du und deine gesamte Familie aber hängen sich mit großer Selbstverständlichkeit seit jeher für den KSV rein. Was läuft bei den Graupeters anders?
Luzi Graupeter: Gute Frage. Manchmal habe ich durchaus Verständnis für Menschen, die sich lieber aus der Verpflichtung rausnehmen. Man hat z. B. das Studium, dann noch einen Nebenjob oder zwei – und will sich nicht auch noch in ein Ehrenamt einbringen. In ganz wenigen Momenten beneide ich tatsächlich die Leute, die immer mal wieder Wochenenden haben, an denen sie sich ausruhen können.
Redaktion: Das klingt nach einem “Aber“ …
Luzi Graupeter: Aber ich finde „Verantwortung übernehmen“ trotzdem immer ganz gut. Denn man muss ja sehen: Mit der Verantwortung kommt zwar ein bisschen mehr Stress und Druck, aber man bekommt auch mehr Handlungsspielraum. Man hat dann eher die Möglichkeit, Dinge in eine Richtung zu bewegen, die einem selbst richtig vorkommt.
Redaktion: Für den KSV Kirchlinde warst du schon in den unterschiedlichsten Funktionen im Einsatz. Kannst du dazu einen kurzen Überblick liefern?
Luzi Graupeter: Meine Mama leitete früher dienstags und donnerstags immer das Kinderturnen, und da kam ich regelmäßig mit. Ich war also eh immer da – und wenn es etwas zu tun gibt, nehme ich das gerne an. Die wirkliche aktive Ich-pack-mit-an-Phase ging dann 2017 mit meiner Sporthelferausbildung los, da war ich 14 und erst einmal in der Unterstützungsrolle für meine Mama. Später habe ich dann als Teil eines Zweierteams das Turnen geleitet, und noch ein bisschen später – 2019 – haben wir beim KSV das „J-Team“ ins Leben gerufen. Da habe ich irgendwie aus Versehen die stellv. Leitung übernommen und bin nach und nach in die Trainerrolle geschlüpft.
Redaktion: Parallel dazu hast du doch auch noch auf der Bühne bei den Sportakrobatinnen mitgemischt?
Luzi Graupeter: Das stimmt, da war ich seit der 4. Klasse dabei – aber bei der Sportakrobatik hängt viel von den Partnerinnen ab, und wenn die absprangen, musste man quasi neu anfangen. In der Corona-Zeit habe ich nochmal eine Partnerin verloren, und da war die Luft raus. Es gab zwar nochmal kurz einen Neustart mit meiner Schwester Lotta, aber die wurde dann zu groß und somit zu schwer für mich. Also bin ich in die Trainerposition für die Anfängerinnen gerutscht – und habe mich selbst eher aufs Tanzen verlegt. Das ging gut, bis das Knie streikte.
Redaktion: Und warum ist das passiert?
Luzi Graupeter: Weil ich von meinem Vater die O-Beine geerbt habe. Und ich habe ja eigentlich ausschließlich Sportarten gemacht, die belastend waren für die Knie. Deswegen habe ich jetzt schon rechts eine beginnende Arthrose, also habe ich mir die Beine „umstellen“ lassen. Drei OPs insgesamt, die erste im September 2024, die letzte vor drei Wochen. Das war natürlich auch ein kleiner sportlicher Downer für mich, weil ich eigentlich sehr gut im Training war bis dahin. Ich habe sehr viel Krafttraining gemacht, sehr viel Ausdauertraining. Naja, und das war dann zwischendurch alles weg.
Redaktion: Umso mehr bist du dann aber auf organisatorischer Ebene durchgestartet, oder?
Luzi Graupeter: Ich bin mittlerweile Jugendwartin bei uns im Verein, die Position habe ich aber schon 2023 übernommen. Einige Zeit vorher gab es vom Landessportbund ein „Stipendium für junges Engagement“ für mich, und in dem Zuge wurde ich Jugendwartin. Die wirklichen Orga-Aufgaben sind sogar eher gleichgeblieben als gewachsen, aber es sind halt noch Sachen dazu gekommen. Seit drei Saisons bin ich jetzt Hallensprecherin bei Turnieren und dort auch beim Auf- und Abbau mehr beteiligt. Und als Kampfrichterin bin ich auch im Einsatz – da hatte ich 2024 gerade meinen ersten Kampf geleitet, als ich unters Messer musste.
Redaktion: Wo liegen denn eigentlich die Wurzeln für diesen enormen Tatendrang?
Luzi Graupeter: Ich würde tatsächlich sagen, es liegt vor allem daran, wie man groß geworden ist. Ich habe es ja wirklich nur so kennengelernt, dass auch meine Eltern immer aktiv etwas im Verein gemacht haben und dort verlässlich immer bereitstanden.
Redaktion: Bei so viel Engagement vor Ort liegt dir deine Heimat doch sicherlich sehr am Herzen, oder?
Luzi Graupeter: Ich glaube, ich habe den Heimatbezug vor allem zu den Leuten, die für mich Heimat sind. Also meine Eltern, meine Großeltern, meine Schwester: Die sind natürlich alle hier „stationiert“, und verknüpft mit ihnen sind alle möglichen Erinnerungen. Und deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Bezug zum Jungferntal irgendwann mal weg ist. Selbst wenn ich dann irgendwann mal weg bin. Weil man nun mal diese Geschichte hat.
Redaktion: Und dass du irgendwann mal nur noch passives KSV-Mitglied bist? Kannst du dir das vorstellen?
Luzi Graupeter: Nein, glaube ich nicht. Bis ans Lebensende! (lacht) Also zumindest zu einem kleinen Teil, wenn Veranstaltungen anstehen usw. Das Mädchen für alles halt. ‚Kann mal jemand noch Milch kaufen?‘ ‚Klar, mache ich!‘ Und ich kann mir für nach dem Studium auch sehr gut vorstellen, wieder in die Trainerrolle reinzuspringen. Naja, das müsste dann logistisch natürlich wieder ein bisschen cleverer verzahnt sein.
Redaktion: Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

















