Er führt nicht durchs Programm und hat auf der Bühne ganz sicher nicht den größten Redeanteil. Und dennoch: Er ist der Chef. Irgendwie. Und ganz sicher geradezu ein wandelndes Markenzeichen des gesamten Unternehmens. Die Lücke, welche Roman Henri Marczewski hinterlassen wird, dürfte also beträchtlich sein. Im nächsten Jahr, wenn das Unglaubliche Realität wird und der „Geierabend“ erstmals ohne seinen „Präsi“ auszukommen hat! Ohne den Mann, der Dortmunds Alternativ-Karneval von seiner „Stunde null“ an begleitet hat, und der mitsamt seinem unverkennbaren Kopfschmuck auch schärfsten Kritikern der fünften Jahreszeit deutlich vor Augen stehen dürfte.
Und doch stimmt’s: Ende der Session macht der inzwischen 73-Jährige einen Haken hinter drei Geierabend-Jahrzehnte. Nicht zuletzt, weil die Gesundheit ihm in den letzten Jahren unmissverständliche Signale sandte, er eine Session aufgrund einer Herz-OP sogar ganz ausfallen lassen musste. Dem Ensemble aber möchte er keine weiteren Unsicherheiten in der Planung mehr zumuten, und ihm selbst würde offenbar ein bisschen mehr Ruhe guttun, befindet der gebürtige Kanadier. Zu rütteln ist an seiner Entscheidung also nicht mehr, obwohl Roman Marczewski das jährliche Karnevalsunternehmen durchaus als so etwas wie eine Familie empfindet. „Und zwar auch mit all den Leuten von Tante Amanda und Flattermann“, wie er unterstreicht. Selbst zu seinen über die letzten Jahre ausgestiegenen ehemaligen Mitstreiter*innen riss der Kontakt nie völlig ab: „Es ist zwar nicht mehr so eng wie manch anderer Kontakt, den man hat. Aber ich gehe immer mal wieder da und da hin, um die früheren Weggefährten spielen zu sehen. Die sind also nicht ‚aus der Welt‘.“
Das wiederum will auch Roman Henri Marczewski nach seinem Rückzug eher nicht sein. Hier und dort auf Live-Bühnen gelegentlich noch sein Unwesen zu treiben, das kann er sich schon vorstellen. Und als Überraschungsgast bei den alten Kolleginnen und Kollegen? Der 73-Jährige klingt hin- und hergerissen, wenn er sagt: „So richtig kann ich es mir nicht vorstellen, aber wenn es passiert, dann passiert’s!“ Vieles will der Präsi halt schlicht und einfach auf sich zukommen lassen.
Und was sieht er beim Blick in den Rückspiegel? Ist sein Geierabend immer derselbe geblieben, oder hat er sich im Laufe von drei Jahrzehnten gewandelt?
„Doch, da gab es eine Entwicklung“, ist der baldige Karnevals-Ruheständler überzeugt. „Am Anfang war es eher der reine Spaß an der Komik, an den Geschichten. Da haben wir die Gegend, also Dortmund, durch den Kakao gezogen und waren dabei sehr „westfälisch“, eigentlich fast münsterländisch. Mittlerweile ist vieles klarer in den Aussagen und politischer geworden. Bestandteil meines Lebens ist das schon immer, irgendwie politisch anzuecken. Und ich finde“, führt der „Präsi“ weiter aus, „das muss auch passieren: ‚Die da oben‘ brauchen das.“
Dass dieser Job, wie mitunter zu hören, in unseren Tagen schwieriger geworden sei, kann er übrigens nicht finden. „Es passieren immer schäbige Sachen, und es gibt“, resümiert Marczewski, „auch immer lockere Arten, das aufzuarbeiten und den Leuten ein bisschen näherzubringen. Und das wird wahrscheinlich immer so bleiben. Man muss sich halt immer bemühen, man muss gucken, was passiert, warum passiert es, kann man da was dagegen sagen? Und es ist ja immer irgendein Mist am Laufen, irgendwo.“
Nicht mehr lange aber, dann geht der „Käptn“ von Bord. Privat, sagt er, werden sich die Auswirkungen in Grenzen halten, erkannt wird er im Alltag nämlich vielleicht ein, zwei Mal jährlich: „Ich bin beispielsweise mit meiner Frau durch Holland spaziert und hinter uns gingen eine Gruppe Leute. Dann hörte man sie tuscheln, und dann rief einer: ‚Präsi, das ist doch der Präsi!!‘.“ Diese Momente, gibt Marzewski zu, hat er immer genossen. „Vielleicht“, lacht er, „werde ich ja verrückt, wenn ich aufgehört habe.“ Aber selbst das will er im Zweifelsfalle auf sich zukommen lassen: Das wandelnde Markenzeichen des Dortmunder Geierabends, daran besteht kein Zweifel, befindet sich auf Abschiedstournee!

















