Lütgendortmunds Hallenbad ist ihr zweites Zuhause, und in anderen Schwimmbecken der Republik sammelte Janine Gallisch sportliche Titel in Hülle und Fülle ein. Die letzten anderthalb Jahre bescherten ihr einen echten Motivationsknick – aber “Aufgeben” war für die aufgrund einer erblichen Augenkrankheit fast gänzlich erblindete 43-Jährige nie eine Alternative. Ab sofort also nimmt sie Titel und Bestzeiten wieder in den Blick. Und das, obwohl sie mittlerweile nicht mehr ausschließlich im Wasser, sondern auch “zu Lande” unterwegs ist.
Redaktion: Ich würde dich als „Ur-Lütgendortmunderin“ verbuchen. Aber stimmt das überhaupt?
Janine Gallisch: Doch, das stimmt tatsächlich. Ich habe hier gelebt bis zum Alter von 17 Jahren. Dann ging es aufs Internat nach Marburg, weil man damals insgesamt noch nicht so weit war mit integrativer Beschulung – und es an der Marburger Carl-Strehl-Schule damals die bei weitem besten Möglichkeiten für Leute mit Sehbehinderung gab. 2004 bin ich dann zurückgekommen.
Redaktion: Und ist „dein Stadtteil“ für dich lediglich Wohnort, oder hängt auch dein Herz ein bisschen dran?
Janine Gallisch: „Meinen“ Volksgarten liebe ich eindeutig, und das Schwimmbad – mit den besten Schwimmmeistern der Welt, wie ich finde – ist ja im Grunde mein zweites Wohnzimmer. Auch ansonsten bin ich hier verwurzelt. Allerdings habe ich leider den Eindruck, dass dieses Gefühl, dieser familiäre Zusammenhalt im Dorf im Laufe der letzten Jahre immer mehr geschwunden ist. Möglich, dass Corona dabei eine wichtige Rolle gespielt hat.
Redaktion: Lass mich zunächst mal beim Stichwort „Schwimmbad“ einhaken: Du bist vielfache Deutsche Meisterin und Rekordhalterin im Paraschwimmen und hast 2023 bei den DSV-Landesmeisterschaften über 800 m Freistil sogar die komplette sehende Konkurrenz hinter dir gelassen. Danach wurde es aber komplizierter, oder?
Janine Gallisch: Das ist richtig. 2023 hatte ich einen Sponsor und meinen sportlichen Peak. Danach ging es aber u. a. wegen schmalerer finanzieller Spielräume und aufgrund gesundheitlicher Probleme bergab. 2024 bin ich dann sogar noch einen Deutschen Rekord geschwommen, aber im letzten Jahr war ich insgesamt vielleicht nur noch fünf, sechs Mal im Becken. Irgendwie hatte ich die Nase voll.
Redaktion: Der sportliche Ehrgeiz hatte sich aber nur verlagert?
Janine Gallisch: Jein. Hans Peter Durst hatte mich 2023 bei Dortmunds „Gala der Meister“ angesprochen und gefragt, ob ich vielleicht Lust auf den „United Summer Run“ vom TSC Eintracht hätte. Da bin ich dann über 5 km gestartet, hatte viel Spaß und landete in der Para-Wertung meiner Strecke trotz vorheriger Erkältung auf Platz zwei. Also habe ich sozusagen Blut geleckt, mir gedacht „Ich will mehr“ und im September am Baldeney-See gleich den ersten Halbmarathon drangehangen. Das wurde dann eine ziemliche Nahtoderfahrung, war aber trotzdem cool (lacht). Dann wurde das Guide-Netzwerk [Ein Netzwerk, das sehbehinderte Sportler*innen und Führungsläufer miteinander in Kontakt bringt – die Red.] auf mich aufmerksam, und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Mittlerweile habe ich mich dem Lauftreff Wischlingen angeschlossen, und aktuell ist tatsächlich das Laufen die größere Herzensangelegenheit: Weil ich mich an der frischen Luft und in der Gemeinschaft wohlfühle. Man könnte auch sagen: Beim Schwimmen steht die gemessene Zeit im Vordergrund, beim Laufen die Zeit mit den Menschen. Der sportliche Ehrgeiz jedenfalls, der gehört nach wie vor dem Schwimmen.
Redaktion: Und was bedeutet das für deine Zukunftsplanung?
Janine Gallisch: Naja, Ende letzten Jahres habe ich gedacht: So möchte ich nicht abtreten. Hashtag “Dranbleiben”, sozusagen – wer aufgibt, hat schon verloren. Konkret heißt das, dass ich nochmal ein paar deutsche Rekorde in Angriff nehmen möchte. Nun ist Schwimmen ja eigentlich eine Sportart, die vom täglichen Trainieren lebt. Fünf Einheiten pro Woche will ich also wieder hinbekommen. Die Pflichtzeiten für die Deutschen Kurzbahn-, die Deutschen Langbahn- und die Süddeutschen Langbahn-Meisterschaften im Para-Schwimmen sollte ich so auf jeden Fall schaffen. Eine Balance hoffe ich hinzubekommen, indem ich mich auf diese drei Saison-Highlights konzentriere. Auch im DSV-Bereich – nennen wir es mal das „Nicht-Para-Schwimmen“ – traue ich mir eigentlich die Qualifikation für die NRW-Masters zu, aber da sehe ich mich vorerst eher nicht.
Redaktion: Wie gut konntest du deine Pläne denn bereits wieder umsetzen?
Janine Gallisch: Leider nicht sehr gut: Zuerst habe ich mir den Finger an einem Wellenbrecher aufgerissen – mit so etwas müssen wir Para-Schwimmer immer mal rechnen –, und konnte deswegen nicht ins Wasser. Danach bin ich bei mir zu Hause ein paar Stufen runtergefallen, dann hatte ich eine Augenlid-Entzündung. Und im Moment zwickt der Ischias-Nerv. Das alles hätte also besser laufen können. Aber die Pläne sind immer noch die gleichen.
Redaktion: Das klingt alles nach richtig viel Selbstdisziplin. Welche Kraft ist es, die dich antreibt?
Janine Gallisch: Ich glaube, in erster Linie möchte ich zeigen, dass es geht. Ich will den Erfolg – naja, das musst du vielleicht noch umformulieren (lacht). Wegen der Behinderung wird man anders wahrgenommen, und mit meiner Leistung mache ich mich sichtbar. Sie gibt mir also die Möglichkeit, zu sagen „Ich kann was!“ Und beim Schwimmen kommt natürlich noch hinzu, dass meine Behinderung im Wasser kaum eine Rolle spielt: Ich fühle mich frei.
Redaktion: Im Becken streckst du dich demnächst also wieder nach neuen Bestzeiten, aber auch beim Laufen hast du doch aktuell besondere Pläne. Wie sehen die aus?
Janine Gallisch: Ganz ausgereift ist die Idee zwar noch nicht. Vorgenommen habe ich mir aber, die Hospizarbeit zu unterstützen, die mir sehr am Herzen liegt. Und weil ich mir außerdem tatsächlich in den Kopf gesetzt habe, nach Möglichkeit 2026 in jedem Monat einen Marathon zu laufen, könnte das Konzept so aussehen, dass ich für jeden Lauf einen Spendenaufruf starte und hinterher selbst noch ein bisschen obendrauf lege. Und wer möchte, kann natürlich auch mitlaufen. Einiges an Vorplanung werde ich aber wohl noch zu investieren haben, weil ja auch immer Guides zur Verfügung stehen müssen.
Apropos Lauftraining: Da sind wir übrigens wieder bei „meinem Volksgarten“ und meinem Heimatort: Wie häufig ich Zuspruch bekomme, wenn ich hier mit einem Guide trainiere, das macht mich schon stolz und froh. Also darüber, wie gut es auf diese Art möglich ist, Brücken zu bauen und plötzlich aus etwas anderer Perspektive auf das Leben zu blicken. Auch das treibt mich an!
Redaktion: Danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

















