Was waren noch Kneipen? Vielleicht mal die KI fragen … oder an der Bockenfelder Str. 273 vorbeifahren. Das dort ansässige „Retronom“ nämlich ist ein echter Anachronismus: Nicht nur eine Kulturkneipe, sondern noch dazu eine, die 2025 erstmals auf der Dortmunder Landkarte auftauchte. Und last but not least findet sich sogar regelmäßig eine Menge Gäste ein.
Die beiden Betreiber – das Ehepaar Sandra und Matthias Igel – investieren seit rund einem Jahr eine Menge Arbeitsstunden und Herzblut in ihre „Arcade-Bar“. Gelegenheiten, die neue Heimat zu erkunden, taten sich daher für die beiden Plattenberger „Zuwanderer“ erst in den letzten Wochen auf. Wird aber besser! Wie sich die Igels bei ihrem Projekt insgesamt ohnehin auf einem wirklich guten Weg sehen. Während Sandra den laufenden Betrieb aufrecht erhielt, stand ihr Mann unserer Redaktion für Fragen zur Verfügung.
Redaktion: Wie gut würdest du dich hier in der Gegend eigentlich schon zurechtfinden – ohne Navi, meine ich?
Matthias Igel: Lüdo schaffe ich, da war ich gestern noch mit dem Fahrrad. Mengede aber z. B. wäre noch eine Herausforderung.
Redaktion: Was war denn Dortmund für euch beide, bevor ihr hier vor Anker gegangen seid?
Matthias Igel: Vor allem eigentlich ein häufiges Ausflugsziel. Dortmund ist ja geographisch, von uns aus gesehen, die erste Stadt, die ganz gut punkten kann.
Redaktion: Und wie hat Dortmund gepunktet, als ihr dann hier wart? War womöglich etwas ganz anders als erwartet?
Matthias Igel: Ein bisschen, ja. Bövinghausen im Speziellen ist ländlicher, als wir es gedacht haben. Klar, es ist ein Teil von Dortmund, aber wenn man sich ein wenig von der Hauptstraße entfernt, dann glaubt man fast, man ist im Sauerland. Wir sind jetzt in letzter Zeit, bei besserem Wetter, gelegentlich mit dem Fahrrad und E-Scooter unterwegs und erkunden die Gegend. Und entdecken da einiges, dass dann doch „landeikompatibel“ ist.
Anders sieht’s beim Lebensgefühl aus. Man hört ja häufiger mal „das ist Ruhrpott“ usw., aber die Ruhrpöttler und die Sauerländer haben aus meiner Sicht schon viele Gemeinsamkeiten. Hier wie dort gibt es auch etliche rauhbeinige Typen, beides sind eher Arbeitergegenden. In Münster stattdessen, neulich … da verkaufen sogar die Bettler selbst gemalte Bilder. Tatsache! Da war ich dann doch verblüfft.
Redaktion: Würdet ihr sagen, dass ihr mittlerweile angekommen seid – dass ihr also quasi begonnen habt, Wurzeln zu schlagen?
Matthias Igel: Neulich waren wir bei dm, und dann höre ich hinter mir eine Stimme: „Ach, kuck mal, die Retronome!“ Das war dann ein Ehepaar, die mal bei uns zu Besuch waren. Noch passiert so etwas selbstverständlich selten, aber es wird mehr. Dann winken dir Leute plötzlich zu usw., und das ist natürlich schön. Alles in allem aber dürften wir nach wie vor eher die unbekannten Aliens sein (lacht).
Redaktion: Resümiere doch mal: Was ist im ersten Jahr der Retronom-Geschichte anders gelaufen als erwartet? Hat euch irgendetwas positiv überrascht?
Matthias Igel: Also, Live-Konzerte haben wirklich von Anfang an funktioniert. Wir haben hier stärkere und schwächere Tage, aber selbst die schwächeren sind gut besucht. Letzten Samstag etwa hat hier vorne eine Zwei-Mann-Band gespielt, bei kleinen Ensembles machen wir das hier an der Bar. Und es war zwar nicht ptoppenvoll, aber rund 40 Leute dürften hier gewesen sein. Und wenn ein bisschen größere Bands – Schlagzeug, Gitarren, Bass – bei uns auf der Bühne stehen, sind in der Regel 60 bis 80 Leute da. Und wir werden mittlerweile auch regelmäßig von Bands angeschrieben. Auftrittsmöglichkeiten für Bands – gerade für die kleineren – gibt es schließlich fast gar nicht mehr, und da füllen wir eine Lücke.
Auch ein Renner ist das Pub-Quiz: Einmal im Monat, direkt vom ersten Mal an ein Erfolg! Da geht es gar nicht mehr so ums Gewinnen, sondern auch darum, dass man über die Retro-Themen diskutiert. Und ich moderiere das dann von der Theke aus.
Ein paar Sachen, die nicht gut funktionierten, gab es logischerweise auch. Das Duolingo-Treffen ist ein Beispiel. Wir hatten das nur beim ersten Mal, dass sich auch Fremde dafür getroffen haben, danach war es ausschließlich die gleiche kleine Stamm-Crew. Also haben wir gedacht: Naja, das lassen wir jetzt auslaufen.
Redaktion: Apropos: Wie hoch ist eigentlich die Stammgastquote in der Arcade-Bar?
Matthias Igel: Das kommt sehr auf den Tag an. Mittwochs oder donnerstags, wenn es hier recht ruhig ist, sind die Stammgäste auf jeden Fall in der Überzahl. Von denen manche übrigens durchaus eine weitere Anreise haben und trotzdem regelmäßig einmal im Monat hier aufkreuzen: Das finden wir natürlich toll! An Tagen mit viel Betrieb wiederum sind die meisten keine Stammgäste. Wir hoffen natürlich, sie werden es … und in der Regel kommt jemand, der mal hier war, auch wieder, glaube ich. Und was solch einen Ort ausmacht – neben all dem Zocken, den Events und der Musik –, das ist ja die Qualität als Treffpunkt, das Quatschen und so.
Redaktion: Gibt es in euren Schubladen auch noch ganz neue Pläne und Ideen? Etwas, das ihr bislang noch gar nicht umgesetzt habt?
Matthias Igel: Auf jeden Fall! In diesem Jahr neu dazugekommen ist der C64-Tag. dann wird es beispielsweise einen Flohmarkt geben und einen Vinyl-Tag, an dem wir einen oder zwei schöne Plattenspieler aufbauen und alle ihre LPs mitbringen können. Und Konsolen-Turniere machen wir demnächst hier. Genauer gesagt ist – das kann ich ja schon mal verraten – ein Super-Nintendo-Turnier geplant, „Super Street Fighter 2 Turbo“ …
Redaktion: Gönnt ihr euch bei all den Planungen auch hin und wieder mal zwei Wochen Urlaub?
Matthias Igel: In diesem Jahr tasten wir uns ran, was das angeht, mit einer Woche im Juli. Aber letztes Jahr hatten wir ja bis auf die paar Tage um Weihnachten keinen Urlaub. Klar, es ist ein voller Kalender … wir haben allerdings, glaube ich, gut gelernt, Struktur reinzubringen und auch Freiräume zu schaffen. Montag und Dienstag etwa haben wir zu, und das ist dann unser Wochenende.
Redaktion: Insgesamt klingst du, was die Zukunft des Retronoms angeht, nicht stirnrunzelnd, sondern ganz schön optimistisch …
Matthias Igel: Am Ende des Tages muss es sich auch finanziell richten. Aber wir sind jetzt nicht die Leute, die auf großem Fuß leben. Und immer, wenn mich Leute fragen „na, wie sieht’s denn so aus?“, sage ich „Hey, wir sind ja kein Pop-Up-Store“. Dönerbuden kucken vielleicht, wie es so läuft, und machen dann nach einem knappen Jahr wieder zu. Wir sind da voll reingegangen, und ob es das Retronom schafft, steht für mich gar nicht zur Debatte, im Zweifel feilt man dann halt noch mal das Konzept nach. Rechnen tut es sich für uns also so oder so, denn das hier ist unser Lebensprojekt.
Redaktion: Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

















