Rein akustisch, plaudert Winfried Holtgreve aus dem Nähkästchen, sei das Martener Kirchenschiff eine ganz schöne Herausforderung. Onkel Christian nämlich hatte dort von kurz nach Kriegsende bis zum Ende der 1970er-Jahre als Pfarrer die Geschicke der Gemeinde Hl. Familie geleitet, und sein Neffe nahm ab den 1960ern immer mal wieder an der Orgel Platz: „Sieben Sekunden Nachhall“, weiß er zu berichten, „die muss man erstmal in den Griff kriegen“. Ihr besonderes Klangbild hat die Kirche am Sadelhof sowohl ihrer Bauform als auch der imposanten Größe zu verdanken. Und obwohl die Architektur das neugotische Gebäude in unseren Tagen vor dem Abriss schützt: Ihre Tage als Gotteshaus sind seit dem 28. Juni unweigerlich gezählt.
Zum finalen Gottesdienst aber , der sog. Profanierung, wurde es auf den Martener Kirchenbänken noch einmal so voll, wie man es mittlerweile allerhöchstens noch an Weihnachten erleben darf.
Formell vollzogen wurde die nicht nur von Pfarrer Guido Hoernchen als schmerzhaft beschriebene Entwidmung dann letztlich von Weihbischof Josef Holtkotte, der ein vom Bistum verfasstes kirchliches Dekret verlass und damit den Schlussstrich unter rund 127 Jahren Geschichte und Geschichten zog. Auch das unversehrte Siegel des Behältnisses, das – wie in katholischen Kirchen üblich – im Fuß des jeweiligen Altars Heiligen-Reliquien beherbergte*, dürfte also ungefähr so alt sein. Um die Kirchenschätze zu bergen, hatte es in Marten zuvor schwereres Gerät gebraucht: Ein eigens georderter Kran hob die viele Tonnen schwere Deckplatte des Altars an.
Eine Ausstellung im Gemeindehaus, bei der bereits im Laufe des Nachmittags Blicke auf Drohnenfotos und sehr detaillierte 3-D-Modelle der „Hl. Familie“ geworfen werden konnten, flankierten das Geschehen.
Begleitet von viel Chormusik und durchaus emotional begleiteten die Martener*innen ihre Kirche dann in den sakralen Ruhestand. Nachdem Geistliche und Messdiener mitsamt der lithurgischen Gegenstände das Gotteshaus verlassen hatten und dort das sog. „ewige Licht“ erloschen war, war sie schlussendlich wirklich „nur noch“ ein weltliches Gebäude, die Hl. Familie. Ein großes allerdings, mit schützenswerter Architektur und verbunden mit zahlreichen Erinnerungen. Orgelmusik mit sieben Sekunden Nachhall jedoch: Die wird am Sadelhof von nun an wohl nicht mehr auf die Straße dringen.
• Was die zukünftige Nutzung der Martener Kirche anbelangt, ist offenbar nach wie vor noch nichts endgültig entschieden. Klar ist lediglich, dass das Gebäude ab August im Rahmen der Kunstschau „Manifesta 16 Ruhr“ unter der vielsagenden Überschrift „This is not a church“ wieder in Erscheinung treten wird. Bei freiem Eintritt übrigens!
• Dass im Martener Gotteshaus die uralten Gebeine zweier Heiliger lagerten, war sicherlich nicht allzu vielen Einheimischen bekannt. Hintergrund ist, dass Rom im Industriezeitalter – die Hl. Familie wurde 1899 vollendet – neu geweihte Kirchen prinzipiell mit Märtyrer-Reliquien aus der frühesten Christengeschichte „ausstattete“, um die Wurzeln des Glaubens und dessen Standhaftigkeit symbolhaft zu betonen. Die beiden Martener Heiligen waren Märtyrerinnen aus dem 4. Jahrhundert. Dass die Hl. Hilaria und die Hl. Diodora allerdings wirklich so hießen, ist dabei nicht wirklich gesichert: Viele Gebeine “namenloser“ Christ*innen der alten Zeit wurden aufgrund eines Namenszuges auf der Grabplatte oder manchmal sogar ohne konkrete Namensinformationen großen Heiligen „zugeordnet“.

















