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Home Mengede

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm Textoris

von Wir in Dortmund (SK)
vor 5 Jahren
in Mengede
Lesezeit: 6 Minuten
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Die Zeitungsbude von Andreas Rohpeter am Mengeder Bahnhof. (Fotos: privat)

Die Zeitungsbude von Andreas Rohpeter am Mengeder Bahnhof. (Fotos: privat)

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In den Ausgaben seiner „Heimatblätter“ publiziert der Heimatverein Mengede e. V. interessante Beiträge und Geschichten aus dem Stadtbezirk Mengede, die wir mit der freundlichen Genehmigung der Verfasser unseren Lesern in unregelmäßigen Abständen zur Verfügung stellen.

Wir beginnnen mit den Kioskgeschichte(n) von Diethelm Textoris:

„Bei uns im Ruhrgebiet genießt die „Bude anne Ecke“ Kultstatus, und das seit vielen Jahren. Für mich ist das Zurückdenken an den Kiosk meines Großvaters verbunden mit vielen Jugenderinnerungen. Es ist aber auch die Erinnerung an einen Mann, dem es gelang, nach Verfolgung und langer Arbeitslosigkeit in der Nazizeit, nach Inhaftierung in der Steinwache und Teilnahme an beiden Weltkriegen in der Nachkriegszeit wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm TextorisAls Andreas Rohpeter (links im Bild) nach kurzer Kriegsgefangenschaft von den Alliierten entlassen wurde, stand für den 51-Jährigen fest, zurück in den Bergbau wollte der gelernte Hauer nicht mehr. Aber er wollte in dieser schwierigen Zeit etwas zum Unterhalt der Familie (Frau, Sohn, Tochter und Enkel) beitragen. Wie so viele andere, fuhr er zunächst zum „Hamstern“ ins nahe Münsterland. Schnell stellte er fest, dass die Bauern von ihren Vorräten eher etwas abgaben, wenn sie eine Gegenleistung erhielten.

Damit war sein Kaufmannsinstinkt geweckt. Irgendwo erstand er eine Anzahl von Amuletten, billig im Materialwert, aber mit den Abbildungen diverser Heiliger. Die waren bei den frommen Bauern im Münsterland sehr beliebt, zumal er ihnen immer wieder versicherte, er habe jedes einzelne Stück segnen lassen. Als neben den englischen Zeitungen auch wieder deutsche eine Lizenz von den Alliierten erhielten, beantragte er einen Gewerbeschein für einen Zeitschriften- und Zeitungshandel, den er als Verfolgter des Naziregimes ohne Schwierigkeiten erhielt. So wurde aus dem überzeugten Kommunisten ein „freier Unternehmer“, ein Kaptalist, wie er den Klassenfeind immer ohne zweites „i“ bezeichnete. Er knüpfte Verbindungen zum Großhändler Wilhelm Schmitz in Dortmund und sicherte sich später in Verhandlungen mit dem Verleger Ernst Arnold den Alleinvertrieb für die Dortmunder-Nordwest-Zeitung im Mengeder Raum.

Zeitungsverkauf aus dem Koffer und danach ein festes Kioskgebäude
Doch zurück zu den Anfängen. Da ein festes Kioskgebäude noch fehlte, verkaufte er die ersten Zeitungen aus dem Koffer. Bei den Heimspielen des TBV Mengede stand er sonntags mit seinem Koffer im Volksgarten am Spielfeldrand. Im Jahre 1946 erschien die wiedergegründete Sportzeitschrift Kicker, und die fand bei den heimischen Sportveranstaltungen neben der Programmzeitschrift Hörzu und den lokalen Tageszeitungen einen guten Absatz. Denn, anders als heute, fanden sich bei den Fußballspielen im Volksgarten oft mehr als tausend Zuschauer ein.

Diese waren Umsatzbringer nicht nur für den Zeitungshändler, sondern auch für den Wirt des Volksgartenrestaurants, wo die Fußballfans den Sieg des TBV feierten oder die Enttäuschung über die Heimniederlage herunterspülten.

Nach einem Hinweis von Pfarrer Albrecht Stenger, den er wegen seiner Volkstümlichkeit trotz seiner nicht geklärten Verhältnisse zum Nazi-System schätzte, konnte er eine barackenähnliche Gartenlaube in der Größe von etwa 2 x 2 Metern erwerben. Kaufpreis vor der Währungsreform: 100 Reichsmark und drei Flaschen Schnaps. Ob Dr. Stenger eine von den Flaschen als Vermittlungsprovision behielt, wurde von meinem Großvater vermutet, konnte aber nicht geklärt werden. Am Bahnhofseingang, rechts oberhalb der Treppe, wurde dann der Kiosk errichtet.

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm Textoris
Der alte Mengeder Bahnhof. Links ist der Kiosk zu erkennen.

Ein hochklappbares Frontfenster mit kleiner Luke für Regentage, ein Theke für die Auslagen, ein „Kanonenofen“, der mit Kohle geheizt wurde, und seinen Rauch in drei Meter Höhe in die ohnehin verpestete Mengeder Zechenluft entließ, und eine Karbidlampe, die später durch eine Gaslampe mit Glühstrumpf ersetzt wurde. Ein tragbares Gitter für die Fensterfront sollte vor Dieben schützen, aber die brachen eh immer durch die versteckte Seitentür ein.

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm TextorisDie Währungsreform brachte auch für den Kiosk von Andreas Rohpeter einen wirtschaftlichen Aufschwung. Verkaufsrenner waren nach wie vor die Hörzu, gefolgt von den Illustrierten „Quick“ und „Neue Illustrierte“. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ war damals schon im Hochpreisniveau von 1 DM pro Ausgabe. Mein Großvater schätzte ihn aber nicht als Umsatzbringer, sondern wegen seiner Inhalte. Er, der als Genosse und Kumpel fast alle seine Kunden duzte, wusste, dass man die Spiegelleser i. d. R. mit „Sie“ anreden musste. Von den Tageszeitungen nahm die WAZ wegen ihrer Neutralität bei ihm den höchsten Rang ein. Die Ruhr Nachrichten war ihm wegen der CDU-Nähe suspekt, die Westfälische Rundschau las er trotz der Nähe zur SPD selber. 1951 überreichte er mir das erste Micky Maus Heft: „Nimm es mit nach Hause und lass es dir vorlesen. Dann will ich es aber zurückhaben. Es ist teuer und kostet 75 Pfennig.

Ich werde es als unverkauft zurückschicken.“ Hätte er es mir geschenkt, hätte das Originalheft heute einen Sammlerwert von mehreren tausend Euro.

Die „Bild“-Revolution

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm Textoris
Erste Ausgabe der „10 Pf Bildzeitung“

Große Bilder, wenig Text: Am 24. Juni 1952 erschien die erste Ausgabe der „10 Pfennig Bild Zeitung“. Für meinen Großvater bedeutete sie eine Erweiterung der täglichen Arbeitszeit. Seither stand er mit einem Verkaufstisch von morgens 5 bis 7 Uhr unten im Bahnhofstunnel, um die Früharbeiter und Bahnfahrer von beiden Seiten des Tunnels zu versorgen. Danach zog er bis 18.00 Uhr nach oben in seine Bude. Obwohl die Boulevardzeitung ihm einen beträchtlichen Umsatzzuwachs brachte, betrachtete er sie mit Skepsis. Immer wieder ermahnte er die Käufer: „Bitte nicht schräg halten, sonst läuft das Blut raus.“

Apropos Umsatz. Der Tagesumsatz bewegte sich zwischen 80 und 100 Mark. Die Gewinnspanne lag wegen der Preisbindung zwischen 25 und 30 Prozent. Davon gingen allerdings die Betriebskosten und die Grundstückspacht für die Deutsche Bundesbahn ab. Die war laut Vertrag am Umsatz beteiligt. Als Geschenk der Bahn betrachtete er die „Glück-Auf-Schranke“ an der Castroper Straße, die zusammengerechnet mehrere Stunden am Tag geschlossen war. Dann nahmen viele Fußgänger den Weg durch den Tunnel und manch einer versorgte sich dabei am Kiosk mit Lesestoff.

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm Textoris
Die geschlossene Schranke an der Castroper Straße brachte dem Kiosk immmer wieder ein paar Spontanverkäufe.

 

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm TextorisWas uns heute gering erscheint, war damals ein recht beträchtliches Einkommen. Für uns Enkel fielen dabei jedes Jahr praktische Weihnachtsgeschenke und gute Kleidung ab, die sich unsere Eltern nicht leisten konnten. Mein anfänglich noch erhobenes Schulgeld auf der Mengeder Realschule streckte er auch vor, bis ich einen sogenannten Freiplatz erhielt. Für einen einwöchigen Urlaub konnte er auch noch sparen. Ich durfte ihn damals als knapp 14-Jähriger vertreten, konnte bei der Gelegenheit auch heimlich in „Tarzan“ und „Sigurd“ schmökern, was meine Eltern mir wegen der „grausamen und blutrünstigen Geschichten“ verboten hatten. Und ich konnte die in Bikini und Badeanzügen abgebildeten leicht bekleideten Damen im Magazin „Gondel“ bestaunen. Übrigens erschien in den 50-er Jahren immer wieder die „Sittenpolizei“ der Staatsanwaltschaft, um sogenannte jugendgefährdende Schriften zu beschlagnahmen oder unter den Ladentisch zu verbannen.

Der Kiosk als multifunktionale Einrichtung
Bis Mitte der 50-er Jahre war der Zeitungskiosk am Mengeder Bahnhof eine multifunktionale Institution. Bahnreisende parkten gegenüber ihr Fahrrad: „Andreas, werfe doch mal hin und wieder einen Blick drauf.“ Oder als Leihhaus: „Kannst du mir bis zum Monatsende 20 Mark leihen“. Antwort: „Mach ich, aber du musst mir als Pfand deine Armbanduhr dalassen“. Kommunikation wurde großgeschrieben, und wenn Parteigenosse Heini Hesse eintraf, wurden Stalin verehrt und Pläne für die Weltrevolution geschmiedet, obwohl die KPD zu dem Zeitpunkt längst verboten war. Sein Kreuz bei den Wahlen macht Andreas Rohpeter danach „so weit links wie möglich.“ In seiner Verehrung für die Sowjetunion bewunderte er auch die Stimmen der Don Kosaken, nicht wissend, dass diese von Stalin blutig verfolgt und vertrieben worden waren.

Gegen Ende der 50-Jahre stellten sich bei ihm zunehmend gesundheitliche Probleme ein. Die Prostata verlor ihre urinregulierende Funktion, der Weg zur Bahnhofstoilette erschien meilenweit. Er half sich mit einem Notdurft-Eimer, wie er an bayerischen Stammtischen noch heute in Gebrauch sein soll. Der lange Arbeitstag machte ihn müde, er schlief oft hinter dem Tresen ein. Die treuen Kunden gingen dann zur Selbstbedienung über und legten ehrlicherweise das Geld auf den Zahlteller. Müde geworden war er auch durch die ständigen Übernahmeversuche seines Konkurrenten Rudolf Sellhorst aus Dortmund, der auch den Mengeder Marktkiosk betrieb und schon damals einen Verdrängungswettbewerb betrieb. Um ihn ein Schnäppchen zu schlagen, überließ er sein Geschäft seinem Lieferanten Wilhelm Schmitz (inzwischen Rafflenbeul & Sonder). Die sorgten für die Einrichtung eines neuen Kiosks (Foto unten) auf dem ersten Treppenabsatz, der bei Dunkelheit sogar im elektrischen Licht erstrahlte.

Kioskgeschichte(n) aus Mengede und Umgebung (1) – von Diethelm Textoris

Andreas Rohpeter beantragte die ihm zustehende Knappschaftsrente. Doch ganz aus dem Zeitungsgeschäft verabschiedete sich der Rentner dann doch nicht. Treue Kunden in Mengede belieferte er fortan mit meiner Unterstützung noch einige Jahre zu Hause. Der Spiegel für einen Oberstudienrat wurde sogar bis nach Oestrich gebracht. Und das Kioskgebäude? Es wurde abgebaut und stand, auf seine ursprüngliche Funktion zurückgeführt, noch einige Jahre im Garten meines Onkels.“

 

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